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„Kein Sturm, nur Wetter“: Judith Kuckart erzählt vom Leben

Judith Kuckart (60).

Judith Kuckart (60).

Foto: dpa Picture-Alliance / Jens Kalaene

Essen.  Schöne Bilder, arg konstruiert: „Kein Sturm, nur Wetter“, der neue Roman von Autorin Judith Kuckart zeigt ein Leben aus Flauten und Nebel.

Nicht im wirklichen Leben, aber in der Literatur ist die Tänzerin, Choreografin, Regisseurin und Autorin Judith Kuckart, unter anderem auch Trägerin des Literaturpreises Ruhr, eine Spezialistin für verpasste Chancen und flüchtige Momente. Die Heldinnen und Helden ihrer Romane sind gar keine, sondern Alltagsmenschen, oft etwas zu kurz gekommen und fast immer erfüllt von ungestillter Sehnsucht. Das hat sie in ihrem vorigen, 2015 erschienenen Buch „Dass man durch Belgien muss zum Glück“, eher ein Episodenreigen nach dem Muster von Robert Altmans „Short Cuts“ denn ein Roman, zur Meisterschaft getrieben.

Und nun „Nur Wetter, kein Sturm“, ein echter Roman, mitnichten über den Klimawandel, aber auch nicht nur über Robert Sturm, den 36-Jährigen, den sich die namenlose Erzählerin dieses Buchs am Flughafen Tegel ausgeguckt hat als ihren Wunsch-Nächsten. Es geht vielmehr um das Erschrecken dieser Neurobiologin, die mit 54 Jahren feststellt, dass sie erst noch lernen müsste, „wie man gern lebt bis zum Schluss“. Ob sie eigentlich ihr Leben bis dahin wirklich gern erlebt hat, bleibt im Vagen einer fast nüchternen Erzählung; klar wird nur, dass ein echter Sturm der Gefühle darin so wenig vorkam wie eitel Sonnenschein.

Zahlenmystik mit 18, 36 und 54

So genießt sie das Einmassieren von Shampoo in ihre Haar mehr als das fade Kompliment des Friseurs, der sie zu einer „stillen Schönheit“ erklärt. Aber die beiden Männer ihres Lebens scheinen auch keine tieferen Eindrücke hinterlassen zu haben: Der eine war ‘68er und 36, als sie ihn mit 18 kennenlernte, er bewahrte seine erotischen Fotografien im Rollschrank; der andere war 36 wie sie und ein eher unbegabter Theaterdramaturg, der am Ende putzen gehen musste und sie früh ahnen lässt, „dass die zweite Hälfte des Lebens so viel schwerer sein würde als die erste.“

Es ist nicht zuletzt diese Zahlenmystik, die „Nur Wetter, kein Sturm“ recht konstruiert wirken lässt. Aus der jungen Frau, die schon von ihrem Biologielehrer wissen wollte, ob Empfindungen mehr sind als nur Hirnsignale, wurde eine promovierte Neurobiologin. Mit ihrer Berufswahl wollte sie sich vor allem absichern und versucht nun, als Zeitvertragsarbeiterin eine Art von Unabhängigkeit zu wahren. Die Bilder, mit denen Judith Kuckart ihre Gefühle erforscht, während sie in assoziativen Erzähl-Sprüngen auf ihr Leben zurückblickt, sind mitunter brillant. Aber das scheint der Autorin nicht genug gewesen zu sein, sie wollte noch eine Brechung und so wurde es eine von der Stange: „Ich bin hier die Erzählerin“, stampft die Erzählerin zwischendurch mit einem perspektivischen Pferdefuß auf. Und kündigt an, sie wolle „eine Autobiografie schreiben, in der ich das Wichtigste weglasse: Mich.“

Ein Schutz gegen die Zumutungen der Welt

Aber diese Selbstvergessenheit ist nur aufgesetzt, ein Schutz gegen die Zumutungen der Welt. Denn die Erzählerin, die sich Robert Sturms Visitenkarte in der Abflughalle aus seiner Brieftasche geklaubt hat, wird eine Woche später hier wieder auf ihn warten. Und sei es, um die eigene Sehnsucht zu spüren.

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter. Roman. Dumont. 220 Seiten. 22 Euro.

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