Tanz

Jorge Gonzalez, der Schneider der Tänzer

Jorge Gonzalez und die Tänzerinnen und Tänzer des Ballet Revolucion in seinen Kostümen.

Jorge Gonzalez und die Tänzerinnen und Tänzer des Ballet Revolucion in seinen Kostümen.

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Havanna.   Das kubanische „Ballet Revolucion“ tritt bei seiner neuen Show in Kostümen des Herrn der High Heels auf. Ein Gespräch mit dem TV-Star.

„Germany’s Next Top Model“ machte ihn als Stöckelschuh-Trainer bekannt, mit „Let’s dance“ etablierte sich Jorge Gonzalez (50) endgültig im Stammpersonal des deutschen Showbusiness. Der Mann, der so gern von „Chicas“ spricht, ist nicht nur Styling-Berater, er hat auch schon selbst Mode entworfen. Und die Kostüme für die Tanz-Show „Ballet Revolucion“, die ab dem 23. Januar im Essener Colosseum gastiert. Wir sprachen mit Jorge Gonzalez bei einer Kostümprobe des Balletts in Havanna.

Señor Gonzalez, Sie haben seit 2011 die doppelte Staatsbürgerschaft, sind Sie Kubaner oder Deutscher?

Meine Wurzeln sind hier in Kuba, hier bin ich geboren und aufgewachsen - zu Hause bin ich in Deutschland. Ich habe in Deutschland den Mann meines Lebens kennengelernt - aber natürlich ist mein Temperament kubanisch!

Der Unterschied zwischen Kubanern und Deutschen ist…

Wenn sie könnten, würden die Kubaner so viel Geld für Mode ausgeben wie die Deutschen für Autos.

Neben Spanisch und Ihrer charmanten Version des Deutschen sprechen Sie Tschechisch, Slowakisch, Polnisch…

... nein, Polnisch verstehe ich nur. Ja, das liegt an meinem Studium in Bratislava. Als ich 1985 damit angefangen habe, war die Tschechoslowakei für Kuba ja noch ein sozialistisches Bruderland. Und ich wollte immer dahin, weil mir meine Tanten Geschichten von Kafka vorgelesen haben.

Sie haben dort dann aber Nuklearökologie studiert, das passt nicht so ganz zu dem, was wir heute als Ihre größten Interessen kennen.

Das war doch nur der beste Weg, um aus Kuba rauszukommen!

Was ist eigentlich Nuklearökologie?

Nun ja, als ich mich damals zu dem Studium entschlossen habe, wurde in Kuba noch ein Atomreaktor gebaut, man dachte, man würde in Zukunft Leute brauchen, die sich mit den Auswirkungen von Radioaktivität auf die Umwelt auskennen. Allerdings war der Reaktor vom Typ Tschernobyl, deshalb ist er nach dem Unglück dort 1986 nicht mehr fertig gebaut worden…

Und warum wollten Sie weg aus Kuba?

Homosexualität wird in Kuba nicht toleriert. Dort sagt man: Lieber wird der Junge kriminell als schwul. Ich habe bereits mit vier Jahren gemerkt, dass ich schwul bin und färbte meiner Oma Juanita lieber die Haare blau anstatt mit den anderen Fußball zu spielen.

Mit vier? Sind Sie sicher?

Ja, ja, ich hatte einen roten Arztkoffer geschenkt bekommen und es machte mir Spaß, die Nachbarsjungen, die etwas älter waren, zu untersuchen, als Dr. Jorge. Und ich wollte Tänzer werden, bei der Primaballerina der Nation, Alicia Alonso. Ich habe gebüffelt und mich in der Schule angestrengt, um in das Internat zu kommen. Es wurde dann aber doch nicht das Tanz-Internat hier in Kuba, sondern ein Internat für die besten Schüler des Landes, lauter Jungen...

Sie haben mal gesagt, Ihr Vater sei ein Macho – sind Sie vor ihm geflohen?

Nein, Homosexualität ist ja bis heute noch verboten hier auf Kuba, auch wenn sie inzwischen nicht mehr verfolgt wird. Aber damals war es wirklich richtig schlimm. Schwule wurden bedrängt, diskriminiert und sprichwörtlich verfolgt.

Das hat sich geändert, oder?

Aber ja, es gibt Schwulen-Bars und keine großen Probleme mehr. Ich habe hier in Havanna mal in einem Kostüm und High Heels ein Foto-Shooting gemacht, da haben die Leute auf der Straße applaudiert. Das war eine echte Befreiung!

Seit über fünf Jahren entwerfen Sie die Kostüme für die kubanische Tanz-Show „Ballet Revolucion“…

Ja, ich war erst skeptisch, als man mich gefragt hat, nachdem ich meine erste Mode-Kollektion „Chicas Walk“ für einen großen deutschen Modeanbieter entworfen hatte. Kuba-Shows sind ja oft voller Klischees, so mit Bananen an der Hüfte und Ananas auf dem Kopf. Aber ich hatte die volle Freiheit, ich habe inzwischen 400 Kostüme entworfen, von denen viele noch gar nicht auf der Bühne zu sehen waren.

Aber auf die geliebten High Heels müssen Sie da verzichten, oder?

Klar, die Kostüme verzichten aber auch auf unnötig viel Stoff!

Das kann man wohl sagen. Als ich das Ballet Revolución zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: Gut, dass die Jungs und Mädels sich so viel bewegen, sonst würden sie frieren auf der Bühne

(lächelt) Ja, die Tänzer müssen sich ja bewegen können. Also habe ich bei den Kostümen der Chicos viel Elastan verwendet und für die Chicas gibt es noch Lurex und Spitze dazu.

Elasthan? Lurex?

Ja, man muss die Sachen auch nach jeder Show waschen können, die Tänzer schwitzen ja viel. Also ist weniger Stoff besser. Und dann will man ja auch die durchtrainierten Körper sehen…

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