KÜNSTLER

Johannes Brus startet mit zunehmendem Alter richtig durch

Johannes Brus in seinem Atelier, dem umgebauten Wasserwerk der Villa Hügel im Werdener Ruhrtal, mit „Tänzerinnen“-Skulpturen.

Johannes Brus in seinem Atelier, dem umgebauten Wasserwerk der Villa Hügel im Werdener Ruhrtal, mit „Tänzerinnen“-Skulpturen.

Foto: Ralf Rottmann

Essen.   Museumsausstellung in San Francisco, Ankauf vom Centre Pompidou, Atelier in Essen-Werden: Johannes Brus, Bildhauer, Fotokünstler, 76 Jahre alt.

Joseph Beuys fragte ihn bei der Aufnahmeprüfung zum Studium an der Düsseldorfer Akademie: „Was machen Sie denn, wenn wir Sie nicht nehmen?“ Da antwortete der junge Mann, der gerade einen Malerei-Kurs an der Volkshochschule in Gladbeck absolviert hatte: „Dann geh ich zur Müllabfuhr!“ Der junge Mann von damals ist heute 76, heißt weiterhin Johannes Brus und muss immer noch grinsen: „Dat scheint den Beuys überzeugt zu haben. Mich hamse genommen, gottseidank!“

Sagt einer, der mit zunehmendem Alter richtig durchstartet: Brus wird gerade im Museum of Modern Art in San Francisco gefeiert, davor zeigte die Kunstsammlung der DZ Bank in Frankfurt seine Fotoarbeiten und vor zwei Jahren erst würdigten ihn mit dem Lehmbruck und dem DKM gleich zwei Duisburger Museen. Und das Pariser Centre Pompidou ist fest entschlossen, eine Serie seiner Foto-Arbeiten anzukaufen.

Im Ruhrgebiet kann man der Bildhauerei von Johannes Brus fast auf Schritt und Tritt begegnen (siehe Box). Er lebt und arbeitet im ehemaligen Wasserwerk der Villa Hügel, tief im Werdener Ruhrtal, mit turmhohen Wänden, die patinierter Luxus und Werkstatt zugleich sind: „Seitdem ich dieses Atelier habe“, schwärmt Brus mit Blick auf den mächtigen Kran-Haken unter der Decke, „kann ich ganz andere Skulpturen machen!“

Sie stehen hier auch recht lässig herum, eine „Tänzerin“ und ein Nashorn auf einer Empore, eine „Kontrollerin“ – „jedes Museum hat sein Gespenst“, sagt Brus. Gussformen stehen herum, „das sind ja fast schon schönere Plastiken als die Güsse, die da rauskommen!“ Bei ihm und seiner Frau Monika steht ein Pferd auf dem Flur, genauer: eine Pony-Skulptur im Eingangsfoyer zum Wohntrakt des Wasserwerks, gedrungen, mit fast tänzerischem Hinterhuf-Schritt. An den Wänden: wilde, sich außen schon wellende Foto-Abzüge, Fotogramme, Doppelbelichtungen, gewagte Licht- und Bearbeitungsexperimente.

Das ist das zweite künstlerische Stand- und Spielbein des Johannes Brus. Nach dem Studium bei dem eher traditionellen Bildhauer Karl Bobek fragte er sich: „Willst du das?“ Wollte er nicht. „Man hat doch als Künstler den Anspruch, etwas Neues zu formulieren“, blickt er zurück. Also begann er mit Fotografien zu arbeiten, wild und assoziativ wie sein Freund Sigmar Polke. Brus machte Serien von dadaistischen Bildern, mit der Gurke im Mittelpunkt: Gurken als Telefonhörer und Duschbrause, tanzende Gurken auf einem Tisch, fliegende Gurken im Garten.

Brus’ Arbeitsdevise: „Fotos so lange misshandeln, bis auch der letzte Rest von Sonntagsanzugglanzabzug raus ist.“ So entstehen auf Fotopapier-Rollen magisch glimmende Konstellationen, geisterhafte „Maharadschas“ oder blau glühende Pferde. Brus nimmt sich Papier und Motiv ruppig zur Brust, bürstet, nässt, probiert Chemie aus.

Ein Foto mit einem Elefantenkopf brachte ihn dann wieder zurück zur Plastik: Nashörner, Pferde, Adler, „weil sie per se schon so eine plastische Erscheinung haben.“ So geht er jeden Vormittag, „wenn ich nicht einkaufen muss“, ins Atelier.

Museen, sagt Brus, seien stets auf seiner Seite gewesen, „aber das Ruhrgebiet ist ja nicht so eine althergebrachte Kulturgegend, da muss man die Leute noch für die Kunst gewinnen.“ Zum Glück kann Johannes Brus auch das.

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