ALLTAGSHELDIN

Johanna Kowalski aus Essen ist ganz nah dran an den Menschen

Johanna Kowalski in ihrem Reich.

Foto: Lars Heidrich

Johanna Kowalski in ihrem Reich. Foto: Lars Heidrich

Essen.   Menschen im Revier: Die Stadtschreiberin Ruhr trifft Johanna Kowalski, die seit 1987 in Essens Eltingviertel in der Bäckerei den Kaffee serviert.

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Es war nicht wirklich kalt, nieselte nur. Aber der Wind peitschte einem den Regen ins Gesicht und der Himmel schien wie mit grauem, dickem Leinen zugenäht. Den ganzen Morgen zogen wir kreuz und quer durchs Eltingviertel. Begegnet sind wir jedoch kaum jemandem. Die Fahrschule war noch geschlossen, die Schisha-Lounge ebenfalls. In der Trinkhalle tummelten sich drei Gelegenheits- oder Vollzeittrinker. Misstrauisch, schien es mir, beäugte uns der Gemüsehändler, vor seinem Laden rauchend. Aus den Augenwinkeln registrierte ich am Rheinischen Platz die Videoüberwachung.

Immer wieder liest man in der Presse von Schlägereien zwischen den kurdisch-libanesischen Familienclans, von Autoschieberei, Prostitution, Messerstechereien... Als wir durch das Viertel streiften, war es aber wie leergefegt. Ein paar Studenten in Anorak eilten an uns vorbei. Ein paar Fahrradfahrer klingelten uns empört von ihren Fahrradwegen herunter. Schon als wir in die Bäckerei traten, um uns aufzuwärmen, fiel mir das Schild auf. Frühstücksbäckerei. Montag bis Freitag 5:30 bis 12:30 Uhr. Samstag und Sonntag geschlossen.

„Eine Frühstücksbäckerei, die samstags und sonntags zu hat? Sind das nicht die Tage, an denen man ausgiebig frühstückt?“, erkundigte ich mich, einen Caffè macchiato bestellend. „Das ist Espresso mit Milchschaum”, fügte ich hinzu. Johanna Kowalski nickte vom anderen Ende der Theke freundlich, dann goss sie mir aus der Thermosflasche Kaffee ein. „Filterkaffee, mit Liebe gemacht”, erwiderte sie und grinste in mein verdutztes Gesicht.

„Und wer kauft bei ihnen um 5:30 Uhr Brötchen ein?“, hakte ich nach.

Oh ja, ich hatte meine Hausaufgaben gemacht. Ich wusste: Essen ist keine Stadt der Schwerindustrie mehr, es hat sich in eine Verwaltungsstadt verwandelt. An wen verkauft Johanna Kowalski also von montags bis freitags um 5:30 Uhr Brötchen?

Ich bin im Frankfurter Westend aufgewachsen. Im bürgerlichen Viertel einer Dienstleisterstadt. Dort beginnt der Arbeitstag der Anzug tragenden Menschen um acht, nachdem die Putzkolonnen die Türme verlassen haben. Keiner, nicht einmal ein Frühaufsteher, geht um fünf Uhr dreißig zum Bäcker. In meinem Wohnviertel in Paris öffnen die Geschäfte um sieben. Wenn ich gegen sechs Uhr in meinem Schlafzimmer die Gardinen aufziehe und den anbrechenden Tag beäuge, grüßt mich meist nur meine Nachbarin von gegenüber. Sie ist Rentnerin und schläft nicht gerne, hat sie mir einmal gestanden.

Aufgewachsen mit Schaf und Huhn

„Eigentlich ist das hier kein richtiges Arbeiterviertel mehr, aber die, die noch da sind, holen sich bei mir ihr Frühstück“, weiht mich Johanna Kowalski ein paar Tage später ein, als ich gegen sechs mit ihr in der Gertrudisstraße meine erste Tasse Kaffee trinke. Ich trinke ihn nicht blond und süß, wie der junge Elektriker, der jeden Morgen gegen sechs vorbeikommt, sondern schwarz wie der Fliesenleger, der ihm folgt. Die Handwerker der Umgebung sind Stammkunden. Ein Kachler ist darunter, ein Elektriker, ein Schreiner, ein Hausmeister. Es sind nicht viele.

Im Eltingviertel leben die, die man gern die sozial Benachteiligten nennt – Arme. Verschlafen verfolge ich, wie Johanna Kowalski Kaffee einschenkt, Stullen schmiert, verkauft, spricht, lacht, Geld entgegennimmt, Wechselgeld herausreicht und sich erkundigt. Immer wieder. Nach der kranken Frau, dem Geburtstagsfest, der bevorstehenden Operation, den Kindern. Wo sie die Empathie hernimmt, will ich wissen, diese Johanna Kowalski, die seit 1987 Verkäuferin in der Frühstücksbäckerei in der Gertrudisstraße ist. In einem ruhigen Moment frage ich sie, wo sie herkommt.

Während sie Brötchen abpackt und fegt, erzählt sie: Mit fünf Jahren sei sie mit dem Bruder und der Mutter aus Polen nach Deutschland herübergekommen. Nein, vom Vater wisse sie nichts. Auch nicht viel von den Großeltern, die in Polen geblieben seien. Erinnern könne sie sich nur an den Bauernhof des Vaters. An Hühner, Schafe und Gänse. Und, ja, auch wie ihr Vater die Ernte eingefahren habe. Vage Bilder. Der Geruch von Heu. Dann seien sie raus aus dem Dorf, rein in die Stadt. Und weiter, bis nach Deutschland, um ein neues Leben zu beginnen.

Johanna Kowalski ist keine klassische Ruhrpolin. Hat keine Bergleute in der Familie. Die Mutter arbeitete in einem Süßwarenlager. Warum sie sich so um ihre Kunden kümmere, frage ich, und ahne es schon. Nichts habe sie gehabt, als sie hier mit 21 die Ausbildung anfing. Ein Zimmer mit Matratze. Das Gehalt reichte gerade einmal für Miete und Strom. Den Rest, einen Teller, Besteck, Tassen, hätten ihr die Kunden geschenkt. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Johanna Kowalski philosophisch, während der Tag heller wird. „Ich kenne so viele Leute und wenn man mal ein Möbelstück besorgen kann...“ Manchmal reiche es auch, nur zuzuhören.

Rentner kommen erst nach zehn

Eltern trotten mit den Erstklässlern der Grundschule Nordviertel in den Laden. Kurz vor acht kommen dann die „Erwachsenen“: Zehn-, Elf-, Zwölfjährige, die alleine zur Schule gehen und sich schnell auf den letzten Drücker ihr Pausenbrötchen holen, bevor ihr Schulalltag beginnt. Leni, Eva, Diego, Samuela. Sie kommen aus Kurdistan, Polen, dem Libanon, Griechenland oder Darfur. Alle nennt Frau Kowalski beim Vornamen, nur bei einem fragt sie: „Was darf es heute für meinen Traummann sein?“ – „Käsebrötchen“, sagt ihr Traummann gelassen. Mario ist sechs. Seine Eltern kommen aus Griechenland. Er hat gerade große Sorgen, verliert seine Milchzähne. Ich warte nicht mehr auf die Schüler und Schülerinnen der Katholischen Schule für Pflegeberufe, auch nicht mehr auf die Rentner. Ich verabschiede mich kurz vor zehn.

„Es wird ein ruhiger Tag werden“, beschließt Johanna Kowalski: Viele seien in Urlaub, einige krank. Und dann war ja gerade Weihnachten. Das Fest mit den Ausgaben. Da sei eben kein Geld mehr für Brötchen übrig. Ich muss an einen Satz in den Memoiren von Jean-Jacques Rousseau denken, als mir Johanna Kowalski verkündet, dass die Kunden des Eltingviertels gegen Monatsende nicht mehr zum Bäcker gehen. Sie sagt es ohne Verbitterung, auch nicht resigniert. Wie eine, die Not kennt und wahrnimmt. Rousseau schreibt über eine „Prinzessin, der man erzählte, die Bauern hätten kein Brot, und die antwortete: Dann sollen sie Brioche essen!“ Die hübsche frivole Prinzessin hieß Marie Antoinette. 1793 endete sie als Königin auf dem Schafott.

Das Eltingviertel hat den Ruf, ein Stadtteil zu sein, vor dem man sich zu fürchten hat. Doch gerade dort haben Sozialarbeiter, Jugendamt, Polizisten, Pfarrer und Lehrer ein Netzwerk geschaffen, das seinesgleichen sucht. „Aktionsbündnis sicheres Altenessen“ schlichtet, wenn sich Nachbarn streiten, betreut kriminelle Jugendliche, identifiziert Tätergruppen, bietet Hilfe bei innerfamiliärer Gewalt an, fördert Erziehungshilfen wie Verbrechensvorbeugung und kümmert sich um Menschen in Armut, mit all ihren Begleit- oder Folgeerscheinungen.

Wie Urbanität zerstört wird

Ende 1846 gab es in der Essener Innenstadt 73 Schneider, 65 Schmiede, 57 Schuhmacher, 56 Schankwirte, 55 Bäcker, 30 Metzger, 20 Bierbrauereien und leider nur eine Buchhandlung. Stadtforscher sind sich einig, dass eine Stadt, um zu funktionieren, vor allen Dingen eins braucht – Gewerbe. Ja, ich weiß, das Ruhrgebiet ist stolz auf seinen Strukturwandel. Auf seine fünf Universitäten und 15 Fachhochschulen. Auf seine Museen, Büros und Einkaufszentren. Auf seine Industriedenkmäler, Fahrradwege, Erholungsgebiete und Freizeitattraktionen. Auf seine Festivals, Feste, Theater und Kulturzentren, seine Konzertsäle, Landschaftsparks und die Emscher, in der wieder Forellen schwimmen. Und doch sind es die unscheinbaren Geschäfte des verarbeitenden Gewerbes, vor dem der Schwatz, die Begegnung, der Austausch erfolgen kann und all jene kleinen Rituale des sozialen Lebens, die für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sorgen. Das Einkaufszentrum Limbecker Platz, die Ketten und Kaufhäuser in der Innenstadt haben das Kleingewerbe verdrängt. Ich habe nichts gegen bezahlbare Massenware, nur etwas gegen die Zerstörung des öffentlichen Raums, gegen die Zerstörung von Urbanität, den Verlust von Orten des Austauschs. „Das öffentliche Leben spielt sich in der Agora, dem Marktplatz ab“, schrieb Jürgen Habermas, „Öffentlichkeit konstituiert sich im Gespräch … ebenso wie im gemeinsamen Tun“.

Der wohlhabende Süden Essens hat seine Secondhandshops, seine in Handarbeit gefertigten Designobjekte, Wohnaccessoires, Feinkostläden und, ja, auch wirklich guten Caffè macchiato... Der Norden hat unter anderem die Frühstücksbäckerei in der Getrudisstraße und natürlich sie: Johanna Kowalski. Merken Sie sich ihren Namen.

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