Literatur

Jan Wilms Romandebüt erzählt vom Schnee in Kalifornien

Jan Wilm

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Foto: Handout

Essen.  Im „Winterjahrbuch“ erzählt Jan Wilm vom Verlust einer Liebe – und von der skurrilen Absicht, in Kalifornien über Schnee zu schreiben.

Nach Los Angeles reisen, um über Schnee zu schreiben? Man muss kein misstrauischer „Immigration Officer“ am Flughafen von L.A. sein, um diese Idee skurril zu finden. Jan Wilm aber bekommt seinen Stempel doch noch, und so verdanken wir einem mürrischen Beamten eines der poetischsten, sehnsüchtigsten Debüts des Jahres. Denn dieses „Winterjahrbuch“ erzählt vom erfrorenen Herzen unter Kaliforniens Sonne: „Ich denke an dich, und wenn ich an dich denke, denke ich warum, und wenn ich warum denke, denke ich an den Winter.“

Jan Wilm, Jahrgang 1983, war Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen

Zuletzt war Jan Wilm, Jahrgang 1983, Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen; zuvor hat er sich als Literaturkritiker und Übersetzer aus dem Englischen einen Namen gemacht. Sein „Winterjahrbuch“ ist die Geschichte einer vergangenen Liebe – und einer Spurensuche: Der Literaturwissenschaftler Jan Wilm ist Protagonist seines eigenen Romans und reist ans Getty Research Institute, um den Nachlass des Dichters und Fotografen Gabriel Gordon Blackshaw zu sichten. Ein in Kalifornien geborener „Robinson Crusoe des Schnees“, der seinen „insularen Beinamen“ erhielt, weil er sich die meiste Zeit seines Lebens in einer einsamen Berghütte an der Grenze zu Kanada aufhielt. 1950 kam er in einer Lawine ums Leben.

Den Textpassagen sind Songtitel vorangestellt, von Neil Young bis zu Dan Deacon

Die literarischen Zitate sind vielfältig gestreut, offen und versteckt, zudem liefert Wilm den Soundtrack zum Buch gleich mit, indem er den Textpassagen Songtitel vorange stellt, von Neil Young über Beck bis zu Dan Deacon. Nichts fürchtet Jan Wilm mehr als Oberflächlichkeit, und schon bei der ersten amourösen Begegnung mit einer jungen Britin schwankt er zwischen bewundernder Unterwerfung und intellektueller Überheblichkeit – und beobachtet sich dabei fein selbst.

Eigentlich aber geht es in diesem Schnee-Zitate-Treiben nur darum, das Verlorene zuzudecken wie unter einer dicken weißen Schicht. „Alles Neue, was ich hier sehe, sehe ich ohne dich“, heißt es einmal: „Und weil du es nicht mit mir siehst, sehe ich es gegen dich.“

Jan Wilm: Winterjahrbuch. Schöffling, 456 S., 24 €. Lesung: Di, 19.11., 18 Uhr im Essener KWI, Goethestraße 31.

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