Literatur

Inger-Maria Mahlke hat durch den Buchpreis Zeit gewonnen

Inger-Maria Mahlke

Inger-Maria Mahlke

Foto: Thomas Lohnes

Frankfurt/M.   Wer sich erinnert, vergisst irgendetwas: Die neue Trägerin des Deutschen Buchpreises im Gespräch über ihren Roman, Europa und ein neues Projekt

Der Deutsche Buchpreis bringt nicht nur Reputation mit sich, sondern auch einen Reigen öffentlicher Auftritte. Inger-Maria Mahlke (41) fand dennoch Zeit für ein Interview, am Rande des Buchmessetrubels – und verriet Britta Heidemann, warum der Preis ihr Leben ändern wird.

Frau Mahlke, man liest nun überall, dass Sie auf Teneriffa aufgewachsen sind – das war mir neu.

Inger-Maria Mahlke: Das ist auch eine Fehlinformation. Richtig ist, dass ich sämtliche Ferien meiner Kindheit dort verlebt habe. Es gibt noch das Haus meiner Großeltern, den Eltern meiner Mutter.

Ist „Archipel“ denn mehr Heimatroman oder Inselliteratur?

Gewissermaßen ein Roman über die Gegen-Heimat, die andere Heimat. Ich benutze die Insel nicht als großes Bild, sondern als geografische Gegebenheit: Von der Insel aus kann man die Welt nicht richtig sehen, sondern nur das Meer. Man kommt von der Insel auch schlecht weg, ist auf diesen Zustand zurückgeworfen. Die Insel ist ein sehr kleiner Raum, auf dem alles viel extremer, radikaler scheint als auf dem Festland, weil die Dinge dichter beieinander sind.

Zugleich holen Sie die ganze europäische Geschichte mit an Bord.

Das Buch betrachtet die kontinentaleuropäische Geschichte aus großer Entfernung, aber trotzdem gibt es Wechselwirkungen. Man ist abhängig von Europa, aber doch distanziert.

Wenn es um Europa geht, heißt es immer, wir müssen nach vorne schauen. Ihr Roman sagt uns: Schaut doch mal zurück!

Wir müssen uns besinnen, was für eine großartige geistesgeschichtliche Idee Europa ist. Spanien stieß ja erst spät, 1975, zu den anderen europäischen Nationen hinzu. Europa war ein sehr konkretes, schönes Ziel. Da war auch ein unglaublicher Stolz, das geschafft zu haben. Für die spanische Jugend ist Europa ein wichtiges Ideal.

Sie erzählen tatsächlich rückwärts – warum?

Erinnerungen führen immer dazu, dass man die Teile, die nicht so richtig zueinanderpassen, kohärent macht – also Sachen vergisst. Man konzentriert sich auf das Wichtige und nennt die Dinge, die sich nicht realisiert haben, unwichtig. Ich glaube aber, dass im aktuellen Moment der Zeit die Sachen, die ich nicht realisiere, genauso wichtig sind wie die Dinge, die ich realisiere. Man weiß nur nicht, was wird.

Haben Sie dieses Gefühl auch für Ihr eigenes Leben? Das Nicht-Realisierte ist ebenso wichtig wie das Realisierte?

Natürlich, das lebt bei uns allen mit: Die Meinungen, die wir aufgegeben haben. Die emotionalen Bindungen, die wir aufgegeben haben – oder verloren haben. Nur kann man sich selbst nicht jünger machen und hinter das Wissen zurückgehen, das man heute hat.

Was bedeutet der Preis für Ihr Schreiben, Ihr Leben?

Das ist geschenkte Zeit. In den vergangenen Jahren war es ein sehr atemloses der Deadline und meinem Kontostand Hinterherschreiben. Jetzt kann ich mir endlich einmal Zeit lassen.

Gibt es schon ein neues Projekt?

Ja, das gibt es! Es geht um die Lübecker Bürgermeistertochter Maria Fehling. Sie hat beim Cotta-Verlag im Lektorat gearbeitet und versucht, die Wissenschaftler des George-Kreises finanziell zu unterstützen – indem sie in ihrem Verlag Bücher geklaut und weiterverkauft hat. Leider ist das aufgeflogen und Stefan George hat sie verstoßen. Daraufhin hat sie sich umgebracht.

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