SCHAUSPIEL

In Düsseldorf wird Shakespeares „Hamlet“ zur Bühnen-Rockshow

Begeisternd: Christian Friedel als „Hamlet“ in Düsseldorf.

Begeisternd: Christian Friedel als „Hamlet“ in Düsseldorf.

Foto: Matthias Horn

Düsseldorf.   Jubel für den genialen Bühnen-Berserker Christian „Hamlet“ Friedel, und eine krachende Shakespeare-Rockshow – das junge Publikum ist begeistert.

Etwas ist faul im Staate Dänemark. Mehr noch: Diese Politik stinkt zum Himmel! Blutmord, Vetternwirtschaft, Lynchjustiz. Oder wie brüllt es der junge Typ dem König und Gefolge entgegen, die selbstverliebt auf den Rängen des herrschaftlichen Hauses posen: „Something is Rotten in The Fucking State of Denmark!“ Ja, Hamlet ist sauer, außer sich vor Zorn, wie er auf die Klaviertasten haut, sich windet, rast, schüttelt, ins Mikro keift und bellt. Ein schwarz gekleideter Rebell, ein Punk-Rocker, unfähig, sich abzufinden. Die Welt hat dem Königssohn übel mitgespielt. Soeben kehrte er von der Universität an den Hof in Helsingör zurück. Der geliebte Vater wurde ermordet, der Onkel war’s, der nun zusammen mit der Mutter regiert. Da kann man nur verrückt werden.

So oft geschehen in Shakespeares „Hamlet“, der seit dem Wochenende wieder auf dem Programm des Schauspielhauses steht, das trotz Umbaus auch Spielort ist. Eine neu arrangierte Übernahme aus Dresden, wo Roger Vontobels Inszenierung 2012 gefeiert wurde. Dass das auch in Düsseldorf passierte, liegt aber gar nicht mal am Zugriff der Regie; nach der Pause entpuppt sich der Abend als recht konventionell. Für Jubel und Bravos sorgt vielmehr der geniale Bühnen-Berserker Christian Friedel in der Titelrolle.

Vorsorglich einen Hörschutz dabei

Der Dänenprinz hat Verstärkung dabei. Seine Band Woods of Birnam. Sie sorgen vor der Pause für eine derart krachende Shakespeare-Rockshow, dass den Zuschauern in den ersten Reihen fast die Ohren wegflogen. Andere hatten vorsorglich einen Hörschutz dabei. Und wieder andere fanden es großartig, vermutlich mega; selten sah man bei einer Premiere so viele junge Leute.

Überall im Saal hängt das Antlitz des toten Königs, „Tribute to my Father Hamlet“, steht drunter. Und doch heißt es anfangs: Alle aufstehen zu Ehren des Herrschers Claudius! Wir stehen also vor dem Palast, im mittleren dreier Gemächer macht der falsche König Winkewinke. Hamlet gibt zu seiner Wiederkehr ein Konzert. Erste Britpop-Klänge – „I’ll call thee Hamlet“ – die sich später in hämmernden Punkrock verwandeln werden. Szenen wie die „Mausefalle“ gehen rein musikalisch über die Bühne.

Zeugen eines kleinen Wunders

Vontobel verschachtelt gekonnt Spielorte und Handlung und vertraut in weiten Teilen der Schlegel-Übersetzung. Das Ensemble spielt groß. Und doch übernimmt Friedel am Ende konsequenterweise alle Rollen: Das Duell kommt als Slapstick-Pantomime daher, vielleicht Wille und Vorstellung eines übersensiblen Geistes, der mit den Toten spricht. In jedem Fall werden wir Zeugen eines kleinen Wunders. Es gelingt, den Dänenprinzen aus theatraler Überhöhung und Schulbuch-Versenkung ins Heute zu holen. Selten war der oft gedeutete Dänenprinz so tief verwundet, so verzweifelt, so aggressiv, so hilflos – so begreifbar.

Außerdem ist er ein guter Sänger!

3 1/4 Stunden, eine Pause. Termine/Infos: www.dhaus.de, Tel: 0211 36 99 11.

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