Bühne

„Impulse“: Wenn Theater gefährlich wird

Szene aus der Performance von „Enjoy Racism“. Foto:Linda Pollari

Szene aus der Performance von „Enjoy Racism“. Foto:Linda Pollari

Mülheim.   Das Festival „Impulse“ zieht die Zuschauer in seine Aufführungen hinein – und sendet so tatsächlich starke Impulse aus.

Ein Theaterbesuch kann beunruhigende Denkanstöße geben, im Extremfall Weltbilder erschüttern – aber eins ist meistens sicher: Es gibt Schauspieler und es gibt Publikum. Den einen gehört die Bühne, den anderen das Halbdunkel des Zuschauerraums. Die Stücke des Impulse Theater Festivals für die deutschsprachige Freie Szene allerdings spielten mit teilweise krassen Verschiebungen dieser Grenze und machten die Theatererfahrung offen und gefährlich.

Gruppenbildung im Ringlokschuppen

Die Besucher des Mülheimer Ringlokschuppens gerieten nicht selten in einen schweren Identitätskonflikt. Zum Beispiel bei „Enjoy Racism“ der Schweizer Truppe Thom Truong: Da leuchtete die vermeintliche Einlassdame kurz mit einer Taschenlampe in die Augen und wies den Weg – den Braunäugigen in einen ungemütlichen Keller, den Blauäugigen in eine Lounge mit freiem Buffet. Hier stellte sich die Frage: Ist teilnahmsloses Zuschauen möglich? Müssen wir handeln, diskutieren, Flagge zeigen? Oder uns vorgegebenen Regeln fügen?

Im „Publikum“ ist das gesamte Spektrum zu beobachten: Einige Braunäugige zetteln eine Revolte an und dringen in die Lounge vor, andere zeigen Renitenz oder fordern Abstimmungen, wieder andere wollen die Themen Rassismus und Privilegierung diskutieren und stellen sich nervtötend in den Mittelpunkt. Und wenn Zuschauer einmal für 20 Minuten reglos und zusammengekauert mit gesenktem Blick auf engem Raum hocken müssen, werden sie doch nur eine Ahnung davon empfinden, was es heißt, diskriminiert zu werden, machtlos zu sein.

Zum Beispiel bei „All Eyes On“ von Teresa Vittucci: Da ist der Zuschauer auch Voyeur und selbst Darsteller für ein weiteres Publikum. Vittucci singt, spricht und räkelt sich nämlich nicht nur für die Ränge, sondern auch für die Webcam ihres Laptops, die das Ganze live in einen Sex-Chat überträgt. Und irgendwann merken die Chatpartner, dass das Objekt ihrer Begierde offenbar eine Show mit echtem Publikum aufführt. Die Performerin, die tatsächlich Wünsche ihrer virtuellen Besucher erfüllt und zumindest untenrum blank zieht, versucht auch, dem Abend ein Narrativ zu geben: Von wankenden Selbstbildern und der Suche nach Liebe, Lust und Anerkennung, die einhergeht mit Einsamkeit und Vereinzelung vor dem Monitor. Das trägt jedoch selbst über die kurze Strecke von einer Stunde nicht wirklich.

Zum Beispiel „Oratorium“ von She She Pop: Da gibt es zwar einen Bühnen- und einen Publikumsraum, doch erstmal sprechen nur die Zuschauer. Ein Teleprompter an der Bühnenwand fordert sie dazu auf. Die Sätze sind etwa überschrieben mit „Chor der Mütter mit prekärem Einkommen“ oder „Skeptiker“. Auf der Bühne eine Gruppe von „Delegierten“ aus Mitgliedern des Performance–Kollektivs und aus gecasteten Experten des Alltags. Auch diese Gruppe liest ihre Texte nur ab. So funktionieren beide Seiten wie ferngesteuert, führen einen chorischen Theaterabend zum Thema Einkommensunterschiede auf, wie sie die Gesellschaft spalten, das Bewusstsein verändern.

Das Festival zeigt, wie freies Produzieren neue Zugriffe und Sichtweisen ermöglicht und sendet so tatsächlich starke Impulse aus.

www.impulsefestival.de

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