Senioren-Training

Im Altenheim drücken die Spieler an der Konsole aufs Gas

Mit Gesten und Bewegung des Oberkörpers wird Avatar „Paul“ in den Spielen gesteuert, hier am Motorrad.

Foto: Lars Heidrich

Mit Gesten und Bewegung des Oberkörpers wird Avatar „Paul“ in den Spielen gesteuert, hier am Motorrad. Foto: Lars Heidrich

Dortmund.   Ein Videospiel soll ältere Menschen trainieren, damit sie nicht so leicht stürzen. Ein Test mit einer virtuellen Motorradtour im Seniorenzentrum.

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Was am Schwarzen Brett steht, „Unsere Oma fährt im Altenheim Motorrad“, ist natürlich haltlos – halt Reklame. Frei erfunden ist die Veranstaltungsankündigung aber auch wieder nicht, denn in einem Aufenthaltsraum zwei Türen weiter versuchen Katharina Claes und Viktoria Gohr tatsächlich, alte Leute von den Vorzügen einer virtuellen Motorradtour zu überzeugen. „Wir machen heute den Motorrad-Führerschein“, sagt Claes gerade.

Die Kamera überträgt die Gesten

Elf Damen und zwei Herren gucken ausgesprochen skeptisch aus ihren Rollatoren. „Kinder!“, raunt eine Frau ihrer Sitznachbarin zu und schüttelt bedenklich den Kopf: Claes und Gohr sind erst 29 und 26 Jahre alt. Nicht ganz zufällig, wendet sich Viktoria Gohr mit ihrem motorisierten Wunsch an einen der Männer im Raum und kann ihn zügig überzeugen, sich vielleicht zwei Meter vor einen Fernseher und eine Spezialkamera zu setzen. Sie: „Wollen Sie nach Bremen oder nach Hamburg fahren?“ Er: „In Hamburg sind die Nächte lang.“

Um das abzukürzen: Am Ende fährt Herr Bertram (Name geändert) nach Köln, es hätte auch Berlin, Hamburg oder Füssen sein können, aber in Wahrheit verlässt er das Carola-Zorwald-Seniorenzentrum an der Sendstraße in Dortmund-Wambel dabei keine Sekunde.

Herr Bertram hat mehrere Baustellenzäune umgefahren

Das Motorrad steuert er, indem er seinen Oberkörper leicht nach links oder rechts neigt, die Kamera nimmt das auf und übermittelt dem Rad, entsprechend weiter nach links oder rechts zu fahren. Ganz einfach! Am Ende hat Herr Bertram auf dem Bildschirm dennoch mehrere Baustellenzäune umgefahren und ist öfter ins Kiesbett geraten. Was aber nicht stört, denn es geht nicht um Leistung oder Wettkampf. Sondern um das Spielen gegen Sturzgefahren.

Und zwar deshalb: Vier Existenzgründer aus der Videospiel-Szene haben vor Jahren die Firma „Retrobrain“ gegründet. Zwei von ihnen hatten bereits mit Demenzfällen in der Familie zu tun. Daraus entstand der Gedanke, beides zu verbinden, und nun entwickeln die Hamburger Videospiele für Heimbewohner. „Der Ursprungsgedanke von Retrobrain war: ein Spiel gegen Demenz“, sagt Katharina Claes, die Kundenbetreuerin: „Aber das Krankheitsbild ist viel zu komplex. Daher haben wir mit einem Teilbereich angefangen: Sturzprävention.“

Das Spiel regt an zu einfachen Körperbewegungen

Das Prinzip: Das Spiel regt alte, eingeschränkte, oft demente Menschen an zu einfachen Körperbewegungen. Sie können nur mitspielen, indem sie den Körper zur Seite neigen zum Beispiel, auf der Stelle treten oder den Arm nach oben schleudern. Einfache, normale Bewegungen sind das, die die Beweglichkeit erhalten, dem Gleichgewicht dienen, die Muskeln stärken sollen.

Dazu kommt das Gruppenerlebnis – und die Musik kommt aus der Box und von früher: „Kann denn Liebe Sünde sein?“ etwa, „So schön war die Zeit“ oder, beim Motorradspiel: „Wochenend und Sonnenschein.“ Alle singen leise mit.

Gekegelt haben sie an diesem Dienstag auch schon, ebenfalls in der Ü-85-Version: Sitzen im Rollator oder Rollstuhl vor dem Fernseher, machen mit leerer Hand diese typische Schleuderbewegung des Keglers, und auf dem Bildschirm rollt eine Kugel los und kegelt. „Kegeln kennen wir, aber für unsere Generation . . . die Technik, naja“, sagt eine Frau. Freilich ist an der Konsole („Memore-Box“) ein einziger Knopf übrig, und an dem steht in übergroßen Buchstaben: „AN/AUS“.

„Eigentlich hätte ich einen Helm aufkriegen müssen.“

Videospiel als Therapie oder wenigstens Training klingt zunächst etwas verwegen. Die Gesundheitswirtschaft will es aber genau wissen: Unterstützt von der Krankenkasse Barmer und der Humboldt-Universität Berlin, untersuchen Forscher an Bewohnern zweier Heime in Hamburg und Berlin, ob die Retrobrain-Spiele tatsächlich einen Effekt haben und den körperlichen und demenziellen Abbau verlangsamen können.

Das Pilotprojekt zieht sich bis in den März 2018: „Prävention in stationärer Pflegeeinrichtung durch therapeutisch-computerbasierte Trainingsprogramme“ heißt das im Krankenkassen-Deutsch, mancher Heimbewohner sagt aber auch einfach „Memory“.

Nach rund einer Stunde Memore-Box geht den Menschen im Carola-Zorwald-Zentrum langsam die Konzentration aus, manche stehen ansatzlos auf, gehen einfach weg. „Sie machen mich müde“, klagt eine Frau, die die Kegelbewegung nicht richtig hinkriegt, während dem Motorrad-Mann einfällt: „Eigentlich hätte ich einen Helm aufkriegen müssen.“

„Unsere Oma fährt im Altenheim Motorrad.“

Zunächst kann das Zentrum die Box nun kostenfrei behalten. „Die Frage ist, inwieweit das eine Erweiterung für unsere Beschäftigungsprogramme ist?“, sagt Heimleiter Rolf Taubert. Nach acht Wochen muss er entscheiden, ob er die Box zurückgibt oder für 350 Euro Miete im Monat behält.

Und das Ende vom Lied? Ergibt die Studie tatsächlich positive Wirkungen, dann sieht Retrobrains Idealvorstellung so aus, dass die Memore-Box in einigen Jahren in das allumfassende „Hilfsmittelverzeichnis“ kommt. Darin steht jedes heilerische Hilfsmittel, das die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen. Für ein Wirtschaftsunternehmen ist das ein Traum. Derzeit reicht das Verzeichnis von „Absauggeräte“ bis „Toilettenhilfen“; demnächst vielleicht bis „Unsere Oma fährt im Altenheim Motorrad“.

Drei Fragen an...

...Andrea Jakob-Panier, Psychologin bei der Barmer. Die Kasse lässt die Spiele erforschen.

1 Das Videospiel-Projekt soll bis März 2018 noch wissenschaftlich untersucht werden. Gibt es bereits erste Zwischenergebnisse?

Ja, wir können schon nach den ersten acht Wochen einen starken signifikanten Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Anzahl der Spiele pro Woche und der Ausdauer der Senioren in Form der verlängerten Spieldauer erkennen. Somit ist anzunehmen, dass beim regelmäßigen Spielen der therapeutischen Memore-Spiele die Leistung gesteigert wird.

2 Wäre es für die Gesundheit förderlich, wenn Großeltern generell öfter mit ihren Enkeln Videospiele machen würden?

Das gemeinsame Spielen – natürlich in Maßen – fördert die Kommunikation zwischen den Generationen. Wenn Enkel und Großeltern regelmäßig therapeutische Videospiele machen, steigert das zudem deren Fitness und der Spaß kommt nicht zu kurz.

3 Die Feinmotorik trainiert man aber eher mit „Halma“ oder „Mensch, ärgere dich nicht“?

Das Spiel mit Figuren und Würfeln trainiert die Feinmotorik. Die therapeutischen Memore-Spiele können das aber auch, etwa beim Briefträger-Spiel. Hier fährt man virtuell auf dem Fahrrad die Straße entlang und muss gezielt die Briefe in die Briefkästen werfen, was für die Heimbewohner eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist. mar

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