Oper

Humperdincks „Königskinder“ am Musiktheater im Revier

Bele Kumberger in einer der beiden Hauptrollen von Humperdincks „Königskindern“ im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier.

Bele Kumberger in einer der beiden Hauptrollen von Humperdincks „Königskindern“ im Gelsenkirchener Musiktheater im Revier.

Foto: Bettina Stoess

Gelsenkirchen.  Das Gelsenkirchener Musiktheater zeigt das selten gespielte Musikdrama des „Hänsel und Gretel“-Komponisten mit musikalischen Spitzenleistungen

Die Märchenoper „Hänsel und Gretel“ kennt fast jeder. Engelbert Humperdincks Drama „Königskinder“ aber konnte sich bislang kaum einen Platz im Repertoire sichern. Nun nimmt sich das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier des noch immer relevanten Stoffes um eine herzlose Gesellschaft und ihre Außenseiter an. Für die musikalisch fantastische Umsetzung der spätromantischen Klänge durch Gesangssolisten und die Neue Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann gab’s bei der Premiere einhelligen Jubel, für die sachlich-kühle, oft statische und wenig märchenhafte Regie einige kräftige Buhs.

Traumschöne Musik

Der junge Regisseur Tobias Ribitzki treibt der 1910 uraufgeführten tragischen Oper um einen Königssohn und eine Gänsemagd den Märchenton weitgehend aus. Diese Königskinder sind im Heute angekommen. Die langweilig graue Einheitsbühne (Kathrin-Susann Brose) wirkt wie die Durchgangshalle eines Bahnhofs oder eines Flughafens. Für Poesie sorgt allein die Musik. Menschen hasten anein­ander vorbei, keiner nimmt den anderen wahr. Bis auf den guten Straßenmusiker (klangvoll und geschmeidig: Petro Ostapenko), der einem Hippie-Mädchen (Bele Kumberger mit brillantem lyrischen Sopran auch darstellerisch eine berührende Gänsemagd) ein Buch schenkt. Sie schlägt es auf, und die Geschichte der ungleichen Königskinder, die der innere Reichtum der Herzen eint, beginnt. Alles nur ein Traum?

Auch der bei Humperdinck märchenhaft angelegte erste Akt im Reich der Hexe spielt in Gelsenkirchen in der harten Wirklichkeit kalter Architektur. Nur Videoprojektionen vermitteln Waldesruh, Gänse recken als Handpuppen albern die Hälse in die Höh’. Almuth Herbst gewinnt der Hexe mit warmem, kräftigen Mezzosopran und wunderbarer Spielfreude herrliche Facetten ab. Martin Homrichs tenoraler Königssohn, der die Magd aus den Klauen der Hexe befreit und in die fiesen Fänge des Volkes führt, klingt stark und markant.

Die Regie hätte auf ein wenig Fingerzeig-Ästhetik verzichten können, allzu oft lässt Ribitzki statisch von der Rampe aus singen. Auch der gut einstudierte MiR-Opernchor und der glänzende Opern-Kinderchor der Chorakademie Dortmund dürfen kaum für Dynamik sorgen. Was den dreistündigen Abend ohne Happy End magisch und absolut lohnenswert macht, ist neben dem ausgezeichneten Gesangsensemble die Neue Philharmonie, die die traumschöne Musik mit ihren Wagner-Anklängen opulent schwelgend und doch transparent interpretiert. Wenigstens hier: ein Märchen!

Karten/Infos: 0209 4097200

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