Theater

„Hochdeutschland“: Schaumschläger bei den Ruhrfestspielen

Es fliegen die Schaum-Fetzen:  Zeynep Bozbay und Julia Windischbauer in einer Szene aus „Hochdeutschland“.

Es fliegen die Schaum-Fetzen: Zeynep Bozbay und Julia Windischbauer in einer Szene aus „Hochdeutschland“.

Foto: Gabriela Neeb

Der Kapitalismus schafft sich selbst ab: „Hochdeutschland“ bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen.

Klar ist: So kann es nicht weitergehen. Wir schreiben das Jahr 2017, die EU wird 60 Jahre alt und die AfD zieht erstmals in den Bundestag ein. Investmentbanker Kevin nippt im Berliner Hotel Adlon an seinem 2000-Euro-Rotwein und wird sich bewusst, dass er zu den wenigen Privilegierten gehört, die sich diesen überhaupt leisten können. Dies ist die Geburt eines politischen Manifestes, die Geburt der Deutschland AG: gerechter soll das Land werden, gleicher, freier.

Nach dem Roman von Alexander Schimmelbusch

Ein Kapitalist, der den Kapitalismus von innen heraus analysiert und für tot erklärt: In seinem 2018 erschienenen Roman „Hochdeutschland“ hat der ehemalige Investmentbanker Alexander Schimmelbusch das Jahr 2017 neu gedacht und in eine Zukunft geführt, die aber auch wieder keine Lösung ist. Denn in dem Land, in dem nun die Superreichen jedes Vermögen jenseits der 25-Millionen-Grenze dem Staat abtreten müssen, muckt die Jugend auf - die sich in der Freiheit beschränkt sieht, ihre Persönlichkeit durch den Kauf einer Luxusjacht auszudrücken.

Regisseur Kevin Barz, 1989 in Oberhausen geboren, hat für die Münchner Kammerspiele den ehrenwerten Versucht unternommen, den hochaktuellen Stoff auf die Bühne zu bringen, inklusive Angela-Merkel-Zitate und Nachrichten-Kommentare vom Band; die Ruhrfestspiele haben seine Inszenierung nach Recklinghausen geholt. Vier Schauspielerinnen und Schauspieler erzählen Viktors Geschichte: Zeynep Bozbay, Jannik Mioducki, Abdoul Kader Traoré und Julia Windischbauer stehen beinahe hüfthoch Schaum, der assoziationsreich die Bühne (Manuel La Casta) füllt – sehen Sie hier die Schaumschlägerei des politischen Betriebs, die Einseif-Floskeln und Seifenblasen!

Ventilator-Wirbel zur Nationalhymne

Doch so sehr die Vier im Schaum toben, einmal gar mit Ventilator-Wirbel zur Nationalhymne, bleibt der Abend doch blass und statisch. Irgendwo da draußen passiert etwas, irgendwo da draußen agitiert Viktor, irgendwo da draußen sitzt Deutschland diesem genialen Manipulator auf – nur halt nicht hier, wo wir von all dem nur die Hörfunkfassung bekommen. So perlt die gut gemeinte Botschaft ab an Zuschauerseelen, die das Anderthalb-Stunden-Spiel so wenig berührt hat wie der allsonntägliche Tatort. Höflicher Beifall.

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