Sachbuch

Historiker Ewald Frie erzählt „Die Geschichte der Welt“

„Die Geschichte der Welt" bietet ein Heer von Denkanstößen.

Foto: Verlag C. H. Beck

„Die Geschichte der Welt" bietet ein Heer von Denkanstößen. Foto: Verlag C. H. Beck

Essen.   Pharaonen, Luther, Napoleon, Bismarck, Kohl. Wie Geschichte eben so abgespult wird. Historiker Ewald Frie beschreitet in seinem Buch andere Wege.

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Nichts ist unschöner für einen Wissenschaftler, als sich zur Unsicheren zu bekennen. Da nimmt der Historiker Ewald Frie in aller Wucht „Abschied von den Klassikern mit ihrem zielstrebigen Durchgang“ durch die Hochkulturen, um dann zu erklären, was statt ihrer relevant sei fürs Werden und Welken der Geschichte – „sei gar nicht einfach zu sagen“.

Frie, 55, im münsterländischen Nottuln geboren und über Essen und Trier in Tübingen angekommen, ist beileibe nicht der erste Historiker, der sich distanziert von europäisch geprägter, ihrem Ursprung nach hegemonial-kolonialistischer Geschichtsschreibung. Doch der erzählerische Charme und die unverbrauchte Neugier auf zentrale Weltkulturen, die Frie nicht weniger ernst nimmt als unsere Chronikstützen von Kolumbus bis Karl Marx, sie machen „Die Geschichte der Welt. Neu erzählt“ zu einem außergewöhnlichen Buch.

Es hatte ein Titel für Jugendliche werden sollen, nun ist es ein anspruchsvolles Werk populärwissenschaftlicher Art, dessen Qualität nicht die Vollständigkeit ist (wie sollte das, auf 460 Seiten?), sondern das Heer von Denkanstößen.

Buch über Historie der Welt gibt vor allem Denkanstöße

Kennen Sie das „Mansab-System“? Wissen Sie, wo im 7. Jahrhundert die größte Stadt der Welt war? Ob Frie uns mit der zentralen Steuerbehörde des indischen Mogulreichs konfrontiert oder am Beispiel Chang’ans durchs ausgeklügelte Metropolen-Konzept des alten China führt: Er rollt Spezial-Wissen auf als im besten Sinne verunsichernde Speerspitze gegen die Schulbuch-Haltung, Geschichte sei ein linearer Vorgang. Stattdessen sehen wir reichlich globale Konkurrenz in der Geschichte von Ideen und Systemen, erkennen einmal mehr aber auch die ernüchternde Konstante von Zivilisationen, wenige Mächtige über Millionen bestimmen zu lassen.

Und doch beteuert Frie: „Weltgeschichte ist kein Parcours für Helden“. Fries Blick auf die Welt, so vorsätzlich wie entwaffnend fetzenhaft (er selbst nutzt immer wieder das Bild eines „chaotisch gewebten“ Teppichs) gilt in den 20 Kapiteln „Raum und Zeit“, der Geburt des Welthandels, dem unterschätzen Afrika, Keramik als Kronzeugin oder der Frage, wer die Barbaren sind (für Japaner des 19.Jahrhunderts natürlich: Europäer!).

Am Ende der Geschichte stehen Uno und Greenpeace

Am Beispiel Stalin erklärt Ewald Frie die Struktur des Terrors, der Volta-See wird ihm zur Spiegelfläche von Aufstieg, Fall und neuem Leben in Kolonialstaaten. Das letzte, in unserer Zeit spielende Kapitel heißt „Die Welt“ mitsamt ihrer institutionellen Hilflosigkeit, die wir unter Namen wie Uno oder Greenpeace kennen.

Zwei Schwächen zum Schluss: Die pseudokindliche Bildästhetik der Illustratorin Sophia Martinek ist kaum hilfreich.

Und der nächsten Auflage sei Fehlerfreiheit gewünscht: Mal wird James Cook am 1., mal am 14. Februar ermordet. Doch gilt selbst für Entdecker: Man stirbt nur einmal.

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