Komödie

Hinreißendes Boulevard-Schauspielertheater im Essener Grillo

Stefan Diekmann, Stefan Migge, Silvia Weiskopf, Thomas Büchel (v.li.) in der Inszenierung „Cash - Und ewig rauschen die Gelder" von Michael Cooney. Regie: Tobias Materna

Stefan Diekmann, Stefan Migge, Silvia Weiskopf, Thomas Büchel (v.li.) in der Inszenierung „Cash - Und ewig rauschen die Gelder" von Michael Cooney. Regie: Tobias Materna

Foto: Martin Kaufhold

Essen.   Tür auf, Tür zu, Treppe rauf, Treppe runter – und das punktgenau in „Cash - Und ewig rauschen die Gelder". Tobias Materna inszeniert

Am Leichten kann man sich bekanntlich schwer verheben. Und vermutlich biegen die meisten Schauspielhäuser deshalb lieber in die feuilletonistisch verlässlich beachtete Komödien-Spur einer Yasmina Reza oder eines Lutz Hübner ein, statt am Ende einen Ausrutscher auf der lachtränenfeuchten Nebenspur des Boulevard zu riskieren. Denn wo die Geschichte so betont hanebüchen, die Figuren so überzeichnet und jeder Versuch von Dekonstruktion ziemlich aussichtslos ist, da bleibt eigentlich nur eines: hinreißendes Schauspielertheater. Dem famosen Ensemble des Essener Grillo-Theater gelingt in der Regie von Tobias Materna mit Michael Cooneys Farce „Cash – und ewig rauschen die Gelder“ nun das Paradebeispiel einer hemmungslos heiteren Unterhaltungsattacke.

Dabei hat das Thema durchaus Zündstoff. Die Anfang der 90er-Jahre herausgekommene Farce des britischen Autors erzählt vom Sozialmissbrauch auf breiter Front; und davon, wie leicht sich so eine Flut aus falschen Anträgen und berechnender Bedürftigkeit verselbstständigen kann. Der Wohlfahrtsstaat als böser Witz, Lug und Betrug als existenzsichernde Masche. Und mittendrin Stefan Diekmanns gewiefter Abzocker Eric Swan, der die Lawine von Lügen plötzlich nicht mehr stoppen kann, als eines Tages Mr. Jenkins vom Sozialamt auf der Matte steht und Ausschau hält nach all den vermeintlichen Beziehern von Kranken-, Kinder- und Wohngeld.

Wer im Laufe des turbulenten Abends eigentlich noch wer ist, wer längst tot oder taub sein müsste, wer leidend am Stock geht und bald doch so leichtfüßig über Stufen und Stühle hüpft, das zu überblicken ist bald nicht mehr so einfach. Und so stolpern, stürzen, torkeln und heulen sie lustvoll über die großzügig gestaltete Bühne von Till Kuhnert, der diesen Vollblut-Mimen ein Haus mit vielen Türen und einer breiten Treppe gebaut hat, die ausgiebig genutzt werden. Tür auf, Tür zu. Treppe hoch, Treppe runter. In der erfahrenen Regie von Tobias Materna funktioniert dieser ambitionierte Leerlauf wie am Schnürchen, mit perfekt aufeinander abgestimmten Auftritten, Körpereinsätzen und rasantem Dialog-Pingpong. Während Eric Swan und sein Mitwisser Onkel George bald komplett die Kontrolle verlieren, agieren die Schauspieler auf den Punkt.

Stefan Diekmann macht aus jedem Slapstick-Einsatz einen Tanz am Abgrund, dessen Stürze und Stolperer passgenau choreografiert sind. Nicht minder bravourös agiert Stefan Migge als Untermieter Norman Bassett, der als unfreiwilliger Mitspieler am Ende auch in Frauenkleidern noch eine tragische Verzweiflung durchschimmern lässt. Während Thomas Büchels Amtmann Mr. Jenkins bald nicht nur vom großzügig verabreichten Sherry der Kopf schwirrt.

Präzise auf Tempo und Timing durchgearbeitet, präsentiert sich das gesamte Ensemble in komödiantischer Höchstform. Jan Pröhl darf das Klischee des überforderten Ehe-Therapeuten mit Vollbart und Cordsakko ebenso lustvoll ausspielen wie Silvia Weiskopf die Überanteilnahme der trutschigen Sozialarbeiterin mit pausenlos verteilten Taschentüchern karikiert. Janina Sachau als Ehefrau am Rande des Nervenzusammenbruchs, Ines Krug als gestrenge Amtsleiterin in Gouvernanten-Uniform (Kostüme: Natalia Nordheimer) und Sven Seeburg als lebende Leiche Onkel George machen in dieser aberwitzigen, 90-minütigen Tour de Force fast vergessen, wie ernsthaft erarbeitet gerade das Komische sein muss. Tosender Applaus für einen Abend, dessen lustvoll ausgespielte Leichtigkeit nicht nur am Karnevalswochenende seine Fans finden dürfte.

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