Literatur

Hinaus ins Leben mit drei Romanen von Frauen aus Ruhr

Der Blick ins wirkliche Leben von Ruhr, den die drei Romane werfen, hier mal durch die Linse einer Kamera.

Der Blick ins wirkliche Leben von Ruhr, den die drei Romane werfen, hier mal durch die Linse einer Kamera.

Foto: Lars Fröhlich / FFs

Essen.  Ruhr-Romane: Sarah Jäger „Nach vorn, nach Süden“, Jenny Bünnig „Meine fremde Freundin“, Kathrin Schrocke „Immer kommt mir das Leben dazwischen“

Alle Wege führen aus dem Ruhrgebiet. Hinaus ins Leben! Im Rückspiegel eine ganze Meute unbequemer Endgültigkeiten – Tod, Trauer, Trennung. Gleich drei aktuelle Romane von Autorinnen aus der Region schildern das Erwachsenwerden als eine Reise, feiern die Bewegung als Beginn geistiger Beweglichkeit.

Hinter dem Penny-Markt

„Nach vorn, nach Süden“ zieht es die Protagonisten in Sarah Jägers Debüt. Startpunkt ist der Hinterhof vom Penny-Markt: Hier hängen die ab, die dazugehören, Can und Marie und unser Pavel und die anderen. Nur Jo nicht. Jo ist sechzehn und seit einem halben Jahr verschwunden. Also fahren sie los, ihn suchen. Nach Münster, zu Jos Mutter – die ihn seit Monaten nicht gesehen hat; dann nach Freiburg, auf Um- und Nebenwegen und von einer Spontanparty zur nächsten.

Mit leichter Hand gelingt der Essenerin Sarah Jäger, die lange als Theaterpädagogin arbeitete und nun in der Buchhandlung Proust beschäftigt ist, der Entwurf eines Mikrokosmos zwischen den Supermarktpaletten der Republik. Dabei trifft sie sehr genau jenen schnoddrig-lässigen Tonfall, den man seit Herrndorfs „Tschick“-Roman mit dem Genre der Coming-of-Age- Road­novel verbindet. Ihre Erzählerin, die – ausgerechnet von Jo – den fiesen Spitznamen „Entenarsch“ verpasst bekommen hat, ist die Fahrerin des jugendlichen Suchtrupps und hütet zugleich jenes große Geheimnis mit dem Namen „X“, das Jos Verschwinden erklärt.

Ein rasanter Roman mit vielen Kurven und Wendungen, von der Autorin souverän gesteuert.

Von Säugetieren und anderen Menschen

Opa ist tot. Oma will in eine Hippie-WG. Karl soll Oma helfen, das sagt sein toter Opa ihm im Traum. Nur deshalb sitzen Karl und seine Cousins („Master“ und „Desaster“) in Larissas VW-Bulli: um Omas Möbel heimlich in die Hippie-WG zu bringen. Nur dass Larissas VW-Bulli streng genommen gar nicht Larissa gehört und sie außerdem keinen Führerschein hat. Autorin Kathrin Schrocke hat in Essen lange in einem Mehrgenerationenhaus gelebt – und wie sie nun das Miteinander der Alten und Jungen und der dazwischen beschreibt, zeugt von reichlich eigener Anschauung.

Schließlich zieht auch noch Karls Vater in die WG – das hat zu tun mit Karls Mama und deren Chef und Mamas neuerdings rot lackierten Fußnägeln. „Weißt du, eigentlich sind Säugetiere polygam“, sagt Karls Papa, der Biologieprofessor, zu Karl. Und kauft sich eine E-Gitarre, die so schrille Geräusche macht wie das Zweifingerfaultier auf Partnersuche. Was am Ende doch noch einmal Eindruck auf Karls Mama macht!

„Immer kommt mir das Leben dazwischen“ erzählt turbulent und hochkomisch von der Unplanbarkeit des Daseins, so überzeichnet wie „Gregs Tagebuch“, so hintersinnig wie „Der kleine Nick“.

Zelten im Vorgarten

Inken ist tot. Inken war Josephines Familie, so gut wie jedenfalls. Zwei Freundinnen seit Kindertagen. Aber wegen Tarek ist Inken aus der WG ausgezogen, wegen Tarek hat sie ihre Tabletten abgesetzt, wegen Tareks Kinderwunsch. Und jetzt ist Inken tot. Josephine nimmt das Zelt, das einst Inken und ihr gehörte, sie nimmt ihren Schlafsack und ihren Rucksack und läuft los: quer durchs Ruhrgebiet, zu immer neuen Vorgärten, immer neuen Begegnungen mit helfenden Menschen.

Geschickt verwebt Jenny Bünnig in ihrem Roman „Meine fremde Freundin“ die Zeitebenen, erzählt von Inkens Pflegeeltern und ihrer nur immer abwärts taumelnden Mutter Antonia, von Josephines vaterlosen Kindheit und die langen Nachmittagen, an denen sie alleine auf die immer zu viel arbeitende Mutter wartete.

Auch dies Geschichten von Verlust, von Vereinsamung, mit viel psychologischem und sprachlichem Feingefühl skizziert. Am Ende ihrer langen Reise wird Inken wissen, wie wenig sie wirklich wusste über ihre „beste“ Freundin – und dass sie nicht alleine da steht, weil die Verluste in den Leben von Menschen so zahlreich sind wie die Vorgärten im Revier.

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