Musik

Hernes Tage Alter Musik: Klänge mit den „Augen des Herzens“

Das Orfeo Orchester wird in Herne zu Gast sein.

Das Orfeo Orchester wird in Herne zu Gast sein.

Foto: Handout / Zsófi

Herne.  Hernes Tage Alter Musik setzen 2019 auf das Motto „Verstehen - Verwirren“. Vom 14. bis zum 17. November stehen neun Konzerte auf dem Programm.

Darf man ein ehrenwertes Festival hochnehmen? Dann wird bei Hernes Tagen Alter Musik in diesem Jahrgang offenbar die „Miss Verständnis“ gewählt. Das Motto 2019 erschließt sich entsprechend nicht auf den ersten Blick. „Verstehen – Verwirren“ heißt es. Und wir fragen: Was denn nun?

Die Macher der Festspiel-Institution, die schon lange Jahre von Klängen aus Barock und Renaissance den Bogen Richtung Moderne zu schlagen verstehen, sind ja nicht zu beneiden. Immer soll der Festwoche eine Losung gelten, immer eine neue – und reichlich Vielstimmiges soll unter ihr Dach passen. Der Untertitel bringt zwar einen Hauch Erhellung: „Formen musikalischer Kommunikation vom Spätmittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts“, klingt aber leider auch wie eine Doktorarbeit älteren Datums.

Die „Tallis Scholars“ aus England gastieren mit Musik von Desprez bis Palestrina

Aber entscheidend ist ja bekanntlich auf dem Podium – und da beginnt: das Verständnis. „Wege zur Klarheit“ etwa heißt es am 15. November in der Herner Kreuzeskirche. Sie waren nötig geworden, als das Konzil von Trient Angst vor der mehrstimmigen Musik umkreiste. Die berühmten „Tallis Scholars“ aus England werden mit geistlicher Musik von Desprez bis Palestrina rund um die Zeit des Konzils (1545-1563) mehr als ein Lied davon singen.

Und da es ums Verstehen geht: Sieht ein Blinder klarer?, fragt das Eröffnungskonzert. „Das Auge des Herzens“ stellt am 14. November Musik von Francesco Landini ins Zentrum. Der florentinische Gesamtkünstler (1325-1397) verlor sein Augenlicht als Kind – und schuf Musik, die äußerst hellsichtig die Gefühlswelt Liebender betrachtete.

Das Orfeo Orchestra lässt im Kulturzentrum „Le Voyages de l’Amour“ erklingen

Dass man als schöpferisch tätiger Mensch verstanden werden will, aber doch Verwirrung entstehen kann, ist eigentlich ein Leitmotiv der gesamten abendländischen Kunst. Die Herner Tage greifen das exemplarisch bei „Wege der Liebe“ (17. November) auf, die den wenig bekannten Joseph Bodin de Moismortier als Komponisten porträtiert, der das amüsierwillige Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts treffsicher bediente. Das Orfeo Orchestra wagt im Kulturzentrum mit „Le Voyages de l’Amour“ die erste Wiederaufführung nach 283 Jahren.

Wer über alles Missverständnis hinweg eine außergewöhnlich schöne Sopranstimme hören möchte, dem sei der Auftritt von Dorothee Mields ans Herz gelegt (16.11). Von Gelsenkirchen aus hat die Sängerin eine große Karriere gemacht. In die Welt des Königsberger Dichterkreises – was mit „Poesie aus der Kürbishütte“ recht irdisch klingt – führt sie Zuhörer mit Liedern des Barock.

Debussys Opern-Großtat „Pelléas et Mélisande“ in der Salon-Fassung

Das 20. Jahrhundert vertritt Debussy. Seine Opern-Großtat „Pelléas et Mélisande“ (15. November) ist in der Salon-Fassung für sechs Stimmen und zwei Klaviere zu hören – was, um aufs Motto zurückzukommen, der Komplexität der Musik zumindest formal eine Einfachheit verleiht.

Die Bandbreite jedenfalls ist auch im neuen Jahrgang aller Ehren wert, lässt „Purcell Polyglott“ hören, verneigt sich über vier Jahrhunderte vor der „Kunst der Fuge“ und bläst mit „Kriegssignalen und virtuose Kaskaden“ der Ambivalenz von Konzertmusik und Militärsignal den Marsch und andere Werke.

Informationen zum Festival in Herne

Tage alter Musik in Herne. 14. bis 17. November, Einzelkarten kosten im Vorverkauf 18, an der Abendkasse 21€. Fans greifen zum Festivalpass, der alle neun Konzerte für 126 € bietet. Ermäßigungen gibt es für Schüler, Studenten, Arbeitslose und Schwerbehinderte. Details zum Programm unter www.tage-alter-musik.de

Traditionell ist eine Messe für historische Musikinstrumente und Noten Bestandteil des Festivals. Sie findet vom 15. bis zum 17. November im Foyer des Kulturzentrums Herne statt.

Der WDR strahlt als Mitveranstalter alle Konzerte im Radio aus, teils live, teils zeitversetzt.

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