Literatur

Haruki Murakamis sprechende Metaphern

Haruki Murakami (69)

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Haruki Murakami (69)

Serien-Held: Teil zwei von Haruki Murakamis neuem Roman „Die Ermordung des Commendatore“ ist nun auf dem Markt.

Die Serien der Streaming-Dienste gelten als Erzählform der Zukunft. Womöglich ist es kein Wunder, dass die Innovativsten unter den Literaten sich diese Form längst vertraut gemacht haben. Und so reißt uns der 69-jährige Haruki Murakami im zweiten Teil seines Romans „Die Ermordung des Commendatore“ in einen fiktionalen Strudel, aus dem wir so benommen auftauchen wie aus zehn Stunden Netflix am Stück.

Was bisher geschah: Ein namenloser Maler wurde von seiner Ehefrau vor die Tür gesetzt und lebt nun in einem einsamen Berghaus, das einst Großkünstler Tomohiko Amada bewohnte. Er findet dessen rätselhaftes „Commendatore“-Bild, aus dem eben jener Commendatore als „Idee“ in die reale Welt tritt. Der Maler porträtiert einen Geschäftsmann – und nun, in Teil 2, dessen mutmaßliche Tochter. Diese aber verschwindet eines Tages spurlos. Um sie zu „befreien“, muss der Porträtist den Commendatore ein zweites Mal ermorden und in eine Unterwelt hinabsteigen, die ihn als farb-, geschmack-, geruchlose Welt erschüttert: eine finstere Heldenreise also, an deren Ende der Lohn der (wiedergefundenen) Liebe steht.

Wo endet das Sagbare in der Kunst?

In schlichten Sätzen, die an der amerikanischen Literatur geschult sind, dringt Murakami einmal mehr in das Wesen von (Liebes-)Beziehungen ein, in all die Hoffnungen, Enttäuschungen, Tricksereien. Zugleich beweist der japanische Autor, der in seiner Heimat lange ob seiner Sprache und seiner stets jugendlichen Einsamer-Wolf-Helden als „Pop“-Literat abgetan wurde, einen ganz neuen historisch-politischen Tiefgang. Die Schrecken des Nationalsozialismus, die Tomohiko Amada einst als Student in Wien erlebte, und die Gräueltaten japanischer Soldaten im zweiten japanisch-chinesischen Krieg verschmelzen zur Frage der individuellen Schuld angesichts militärischer Befehle, zur Frage nach dem, wozu der Mensch fähig ist. Die Farb- und Seelenlosigkeit der Unterwelt, in der bösartige „Doppelmetaphern“ ihr Unwesen treiben, darf man getrost als Gleichnis lesen: Wo endet das Sagbare in der Kunst, wo beginnt die große Sprachlosigkeit?

Wie Murakami diese Fragen stellt, zugleich aber seine Prosa in der Schwebe des Fantastischen hält, sich der Seele seiner Protagonisten über – eben – Bilder, Metaphern, Vergleiche nähert: das zeichnet ihn nicht nur als Meister seines Faches aus. Sondern auch als wahren, weisen Menschenfreund.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore II – Eine Metapher wandelt sich. Dumont, 496 Seiten, 26 €

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