Geschichte von links unten spaltet das Premierenpublikum

Essen.   Gibt es das noch? Das Proletariat? Besucher der Proletenpassions-Premiere erfuhren, dass es zumindest noch die dazugehörige Partei gibt: Mitglieder der MLPD verteilten vor dem Grillotheater die Parteizeitung „Rote Fahne“.

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Gibt es das noch? Das Proletariat? Besucher der Proletenpassions-Premiere erfuhren, dass es zumindest noch die dazugehörige Partei gibt: Mitglieder der MLPD verteilten vor dem Grillotheater die Parteizeitung „Rote Fahne“.

Bis diese auf der kargen Bühne des Essener Theaters wehte, waren vier der sieben Kapitel des 1976 uraufgeführten Werkes gespielt – ansonsten inszeniert Bernd Freytag das Werk auf karger Bühne weitgehend in schwarzen und weißen Bildern (Bühne und Kostüme: Mark Polscher). Der knapp 30-köpfige Laienchor kommt in Kostümen daher, die an Gesellen auf der Walz oder an eine Sekte aus dem 19. Jahrhundert denken lassen.

Harmonisch ist nur der Gesang

Klar wird bei den Musikstücken, die als polyphoner Block daherdröhnen: eine harmonische Geschichte von linksunten lässt sich nicht mehr erzählen. Zweifel sind in der Inszenierung spürbar – das muss man Freytag genauso zu Gute halten wie den Verzicht auf einen schmissig-nostalgischen Liederabend für die verbliebene Linke und die sterbende Kumpel-Szene. Er begibt sich auf die Suche: Ein großes stählernes Tor trennt Bühne und Zuschauerraum: Dürfen die Proletarier die Zweifel einfach beiseite schieben und den Saal stürmen? Sie zweifeln. Am Ende steht ein zweites Tor auf der Bühne, sieht aus wie ein Smartphon und wäre nur einzeln zu passieren. Aus bewegten oder zu bewegenden Massen sind Individuen geworden.

Aus düsterer Geschichte mit eindrucksvollen Chorgesängen ragen einige Gesangsbeiträge heraus, die so etwas wie erlösendes Lachen ermöglichen: beim Lied der Herren von Krupp und Thyssen zum Beispiel oder beim Auftritt des Geschäftemachers Mächtelmöchtel. Eine illusionslose, anspruchsvolle Besichtigung der Arbeitergeschichte also, die das Premierenpublikum spaltete. Auch, wenn man über Inszenierung und Stück streiten kann und soll: Dem Chor und den Darstellern gebührt Anerkennung für eine präzise, gesanglich starke Aufführung.

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