Bühne

Gelsenkirchens Oper zeigt Frankensteins Monster als Puppe

Bele Kumberger ist Frankensteins Verlobte (re.), das Monster wird geführt von Eileen von Hoyningen Huene, Evi Arnsbjerg Brygmann, Bianka Drozdik (v.l.).

Bele Kumberger ist Frankensteins Verlobte (re.), das Monster wird geführt von Eileen von Hoyningen Huene, Evi Arnsbjerg Brygmann, Bianka Drozdik (v.l.).

Foto: Monika und Karl Forster

Gelsenkirchen.  Das Gelsenkirchener Musiktheater im Revier bringt bei seiner „Frankenstein“-Oper erstmals die neue Sparte Puppenspiel ins Spiel – mit Erfolg.

„Nur mit Mühe erinnere ich mich…“ Am Anfang steht im Musiktheater im Revier eine Schöpfungsgeschichte, erzählt von niemand anderem als dem Erschaffenen selbst. Nach einer minimalistischen Introduktion auf dem Hammerklavier senkt sich ein gewaltiger Beutel auf die Bühne, der Britta Tönne die Gestalt eines antiquierten, indes vielfältig nutzbaren Hörsaales gegeben hat. Der Sackinhalt: eine überdimensionale Puppe.

Frankensteins Monster ist in die Welt geworfen. Und mit ihm gekommen sind drei junge Puppenspielerinnen, die dieses Geschöpf zum Leben erwecken, ihr ihre Stimme leihen und die in der Folge zu den tragenden Akteuren, ja zu den Stars eines eindringlichen Abends werden.

Kaum ein Buch ist so oft adaptiert worden die Mary Shelleys berühmter, 1816 erschienener Schauer- und Science-Fiction-Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“. Komponist und Librettist Jan Dvořák, den mit seinem großen Namensvetter Leoŝ nur eine gewisse Vorliebe für Rezitative verbindet, schrieb seine 2016 uraufgeführte Oper als Auftragsarbeit der Hamburger Staatsoper für die Kampnagel-Fabrik. Am Musiktheater ist nun erstmals Dvořáks revidierte Neufassung für große Bühnen zu sehen.

Sebastian Schwab inszeniert so einfühlsam wie einfallsreich

Die komprimierte Handlung, von Sebastian Schwab so einfühlsam wie einfallsreich in Szene gesetzt, konzentriert sich auf das Monster, auf den Wissenschaftler Viktor Frankenstein (Piotr Prochera), der wie sein antikes Vorbild Prometheus nach den Sternen greift, gottgleich Leben schafft und tragisch schuldbeladen zugrunde geht, und dessen Verlobte Elisabeth (Bele Kumberger). Alle anderen Figuren des vielschichtigen Romans, der Kapitän und Expeditionsleiter Walton etwa oder die Angehörigen von Viktor und Elisabeth, rücken stark in den Hintergrund. Ihre Parts werden von wenigen Ensemblemitgliedern gesungen oder deklamiert, wobei leider die Textverständlichkeit nicht immer annähernd so ausgeprägt ist wie bei Procheras wohlklingendem Bariton und Kumbergers klarem Sopran.

Das ist zum Teil auch der plakativen, durchweg melodramatischen Musik geschuldet, die im Stil eines Film-Soundtracks daherkommt und von der Neuen Philharmonie Westfalen unter Leitung von Giuliano Betta nuancenreich und fein austariert dargeboten wird, die aber nur mäßig kantabel ist und zudem trotz ihres gelungenen Streifzugs durch die Musikgeschichte vom Barock über Puccini, Strauss oder Schostakowitsch bis zu Rock und Neuer Musik auf Dauer doch zu wenig abwechslungsreich.

Erster Erfolg der neuen, hauseigenen Puppenspiel-Sparte

Dass der Gelsenkirchener „Frankenstein“ zu einem wirklich großen Bühnenereignis gerät, das man so schnell nicht vergessen wird, liegt an den wunderbaren Puppenspielerinnen. Die jungen Frauen lassen aus der hässlichen Kreatur ein beseeltes, empfindungsreiches Lebewesen entstehen, das unter seinem Anderssein und der daraus folgenden Isolation und Anfeindung leidet, das aus Enttäuschung und Verzweiflung gewalttätig wird und sich letztlich doch nichts anderes wünscht als alle Menschen: Liebe.

Die mutige Idee von Intendant Michael Schulz, mit den Abschluss-Studierenden der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und Gloria Iberl-Thieme als festangestelltem Puppen-Coach eine eigene Puppenspiel-Sparte am MiR einzurichten, erweist sich schon zum Start als umjubelter Volltreffer.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben