Musiktheater

Gelsenkirchens Musiktheater scheitert am „Vetter aus Dingsda“

In der Klapse für Betagte. Szene aus „Der Vetter aus Dingsda“ am Musiktheater im Revier.

Foto: Bjoern Hickmann

In der Klapse für Betagte. Szene aus „Der Vetter aus Dingsda“ am Musiktheater im Revier. Foto: Bjoern Hickmann

Gelsenkirchen.   Operette nicht entstaubt, aber schlimm entkräftet: Rahel Thiel skelettiert den „Vetter aus Dingsda“ am Musiktheater im Revier.

Wer wollte Zweifel haben, dass ein Endspiel Samuel Becketts ganz bestimmt nicht zur Operette taugt?! Leider glaubt Rahel Thiel, der umgekehrte Weg mache großes Theater aus. Das Ergebnis beschert Eduard Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“ einen vorläufig ersten Platz in der Liga regionaler Bühnen-Flops 2017/18.

Wie das geht? Regisseurin Thiel geriatriert die Handlung ins öd’ Diffuse. Nur Kenner erahnen noch, was das Stück mal bot: Julia, hübsche Schlossbesitzerin, doch aus Altersgründen noch unter der Knute von Onkel und Tante, ersehnt die Rückkehr ihres Liebsten. Dieser Roderich abenteuert seit sieben Jahren in Java vor sich hin. Plötzlich stellt sich ein Tagedieb vor: Er sei Roderich! Das Mädchenherz klopft, doch die alten Anverwandten sind erbost. Sie würden Julia lieber mit Sohn August verkuppeln, der Komödiennatur offenbar nach ein Ladenhüter...

„Der Vetter aus Dingsda“ wird in Gelsenkirchen als gelähmtes Endspiel inszeniert.

Davon kann im Kleinen Haus des Gelsenkirchener Musiktheaters seit der Premiere Freitagabend kaum die Rede sein. Die Rede schon deshalb nicht, weil Thiel nahezu alle Dialoge gestrichen hat. So spielt der Abend in Endlos-Schleifen auf psychiatrischen Polsterwelten und einer Fischgrät-Scheibe (Bühne: Elisabeth Vogetseder) oft stumm vor sich hin: aufstehen, setzen, tapsen, recken, setzen. Man denkt an Regie-Arbeiten Christoph Marthalers. Aber wer kann das schon so? Die Operette jedenfalls hat vor Thiels Würgegriff, der alle Figuren alt ins betreute Dahinvegetieren verpflanzt und vertanen Chancen nachträumen lässt, längst die Flucht ergriffen. Künnekes kleines feines Juwel ist über alle Berge, mitgenommen hat es noch rasch alles Wichtige: Spielwitz, augenzwinkernde Klamotte, durchaus kabarettistischen Esprit.

Das fehlt nun also. An seine Stelle tritt außer dem abgegriffenen Deutungs-Zugang, alle Handlung sei bloß erinnert, furchtbar wenig. Wenn Senioren-folgerichtig da plötzlich von 70 statt „sieben Jahren in Batavia“ gesungen wird, beschreibt das allenfalls das lähmende Tempo des Abends. Wo Thiel Originales kalt streicht, montiert sie (kaum erhellend) Gemaustes hinein — Onkel und Tante („Mooahh, dieser Camembert...“) paust sie beim Großelternpaar von Bestseller-Autor Joachim Meyerhoff ab.

Auch die Musik setzt sich nicht durch: Es klingt nach Heilsarmee-Kapelle, die ins Varieté kommt

Das Ensemble, im Happy-End zu vokaler Demenz verdammt („Wau wau“, „Du dödel di“), bewahrt Würde durch Disziplin. Anke Sieloff und Cornel Frey (Julia/der Fremde) ragen vokal heraus, Gudrun Schade komödiantisch. Thomas Rimes versucht vergebens der wenig glücklichen Salon-Fassung für nur sechs Musiker Schwung zu verleihen: Es klingt trotzdem bloß nach einer Heilsarmee-Kapelle, die sich ins Varieté verirrt hat.

Schade um das Stück, dessen neue Heimat ihm nicht gut tut. Adresse: forensische Regiatrie.

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