Literatur

Gala zur Lit.Ruhr vom Kanzlersturz bis zum Familientreffen

Die Lit.Ruhr-Gala als Familientreffen: Katharina, Nellie und Anna Thalbach (von links)  am Mittwoch in Essens

Die Lit.Ruhr-Gala als Familientreffen: Katharina, Nellie und Anna Thalbach (von links) am Mittwoch in Essens

Foto: Morris Willner

Essen.  Füllhorn aus Drama, Komik und viel Können: Zweieinhalb literarische Stunden gab es Mittwoch Abend bei der Gala zur Lit.Ruhr 2018

Die Rede von der Familie als kleinster Zelle der Gesellschaft sollte nicht die einzige Spitze an diesem runden Abend in der fast vollbesetzten Essener Philharmonie bleiben: Da saßen schließlich Mutter, Tochter und Enkelin Thalbach auf dem Podium der Lit.Ruhr-Gala — für Katharina als Oberhaupt des Berliner Schauspiel-Clans eine der wenigen Chancen, die eigene Familie überhaupt mal zu Gesicht zu bekommen.

Das erste Glanzlicht des mitunter kurzweiligen Zweieinhalb-Stunden-Abends traf einen Kanzlersturz: Anna Thalbach las, wie Mathias Brandt in seinen Kindheitsmemoiren den herzlich verunglückten Versuch schildert, Willy Brandt und seinen „Arbeitskollegen“ Herbert Wehner durch eine gemeinsame Radtour miteinander zu versöhnen. Was dann weniger an der ebenso wechselseitigen wie herzlichen Abneigung der beiden scheiterte als vielmehr daran, dass sich der Kanzler vor und auf dem Fahrrad nur wenig geschickter als ein Fisch anstellte. Mathias, der als eine Art „Anstandskind“ mitfahren und jedweder Eskalation vorbeugen sollte, blickt am Ende auf seinen gedemütigten Vater, der hoch erhobenen Hauptes von dannen wandelt, sich eine Zigarette anzündet und die beiden Personenschützer wie Luft behandelt.

Alice Munro ließ (mit der schneidend bösen Stimme von Katharina Thalbach) ein Baby ein Messer sein in den Bedürfnissen seiner Mutter, Larry Kramers Coming Out vor seiner Mutter kam kaum weniger einschneidend daher.

Und Thomas Quasthoff hat sogar noch Zeit für ein Männergespräch: „Häbbät? Noch ein’?“

Der schönste Gegensatz des Abends dann: Der Liederdichter und Erzähler Funny van Dannen sprudelte einen original rheinischen Familienschwatz überm Marmorkuchen hervor, der sich zu einem Gewitter der Bosheiten mit etlichen Geistesblitzen entwickelte Und Thomas Quasthoff, der den Abend mit Blues und Jazz-Standards dekorierte, improvisierte grandios ein westfälisches Männergespräch, bei dem die Worte fast in der Minderheit blieben und doch so viel gesagt wurde: „Häbbät? Noch ein‘?“ Applaus, Applaus.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik