Kino

Film „Greta“: Isabelle Huppert als Über-Mutter

Big Mother: Greta (Isabelle Huppert) beobachtet Frances (Chloë Grace Moretz), während sie schläft.

Big Mother: Greta (Isabelle Huppert) beobachtet Frances (Chloë Grace Moretz), während sie schläft.

Foto: Jonathan Hession

Isabelle Huppert spielt „Greta“ und wandelt sich von der Ersatzmutter zur Stalkerin. Doch trotz Star-Besetzung enttäuscht Neil Jordans Thriller.

Die Namen sind erst einmal vielversprechend. Neil Jordan hat schließlich in den vergangenen 35 Jahren mit Filmen wie „Die Zeit der Wölfe“, „The Crying Game“ und „Interview mit einem Vampir“ einige moderne Klassiker gedreht. Und auch seine beiden Hauptdarstellerinnen, Isabelle Huppert und Chloë Grace Moretz, haben jeweils mit ihrer bisherigen Rollenauswahl bewiesen, dass sie ein Gespür für Stoffe haben, die sie ebenso wie das Publikum herausfordern. Entsprechend hoch sind also die Erwartungen an den Arthouse-Psychothriller „Greta“, mit dem Jordan nach einigen Jahren, in denen er vor allem an aufwendigen europäischen Fernsehserien gearbeitet hat, zum Kino zurückkehrt.

Die junge Frances McCullen (Chloë Grace Moretz), die zusammen mit ihrer besten Freundin Erica (Maika Monroe) in deren schicken Loft in Manhattan wohnt, hat vor einem Jahr ihre Mutter verloren und diesen Verlust bisher nicht verwunden. Wie eine Schlafwandlerin bewegt sie, die als Kellnerin in einem noblen Restaurant arbeitet, sich durch die Welt und ihr eigenes Leben. Das ändert sich erst, als sie eines Abends auf dem Heimweg eine stehengelassene Damenhandtasche in der U-Bahn bemerkt. Da das Fundbüro gerade nicht besetzt ist, beschließt sie, die Tasche selbst ihrer Besitzerin zurückzubringen.

Finden sich: Isabelle Huppert und Chloë Grace Moretz

Die Französin Greta Hideg (Isabelle Huppert), die zurückgezogen in einem verwunschen wirkenden Haus in einem Hinterhof in Brooklyn lebt, scheint wiederum nur auf jemanden wie Frances gewartet zu haben. Ihr Mann ist vor einigen Jahren gestorben und ihre Tochter lebt, wie sie erzählt, in Paris. Beide Frauen umgibt eine Aura der Einsamkeit. Sie sind verloren in einer Welt, in der sie nach dem Verlust geliebter Menschen keinen Halt mehr finden. Vor allem der nach Nähe und Bestätigung suchenden Frances kommt diese zufällige Begegnung wie eine Fügung des Schicksals vor. Auch wenn sie es gegenüber der weitaus pragmatischeren Erica nicht zugeben will, sieht sie in Greta eine Ersatzmutter, die ihr das geben kann, was sie seit dem Tod ihrer Mutter so schmerzlich vermisst.

Allerdings macht Frances schon bald eine verstörende Entdeckung, die ihre Sicht auf ihre neue mütterliche Freundin vollkommen verändert. Und tatsächlich verändert sich Greta radikal. Aus der einsamen älteren Dame wird eine rücksichtslose Stalkerin, die Frances überallhin folgt und sie ständig einschüchtert. Während Neil Jordan den ersten Begegnungen der beiden Frauen eine märchenhafte Stimmung verleiht und sie so auf eine poetische Weise der Wirklichkeit entrückt, greift er fortan zu deutlich brachialeren Methoden. Das Märchen, das sich andeutete, verwandelt sich in einen Albtraum, wie man ihn aus ähnlich gelagerten Psychothrillern kennt. Greta taucht überall auf und scheint fast übernatürliche Fähigkeiten zu haben. Im gleichen Zug schrumpft Frances’ Welt mehr und mehr zusammen. Wo sie auch hinblickt, ständig sieht sie nur die Frau, die sie nicht aus ihren Fängen lassen will.

Regisseur Neil Jordan setzt den Schrecken in Szene

Neil Jordan setzt diese Momente von Paranoia und Schrecken durchaus elegant in Szene, und seine beiden Stars genießen es offensichtlich, gegen ihr Image anzuspielen. So variiert Isabelle Huppert als Greta eine ihre berühmtesten Rollen, die „Klavierspielerin“ in Michael Hanekes gleichnamiger Jelinek-Verfimung, und zeigt dabei, dass sie eben nicht nur als kühle, distanzierte, sich selbst verletzende Frau brillieren kann. Und Chloë Grace Moretz, die einst als taffe Kämpferin in den „Kick-Ass“-Filmen berühmt geworden ist, wirkt in der Rolle der einsamen, Gretas Angriffen schutzlos ausgelieferten Frances so verletzlich und mädchenhaft wie selten zuvor.

Dennoch enttäuscht „Greta“ am Ende so ziemlich alle Erwartungen. Die Geschichte der Stalkerin und ihres Opfers entwickelt sich derart stereotyp, dass der Film eher wie eine Parodie auf einen Psychothriller wirkt. Eine durchaus reizvolle Idee, schließlich hat sich das Genre seit Alfred Hitchcocks „Psycho“ kaum weiterentwickelt, so dass seine Konventionen mittlerweile extrem klischeehaft wirken. Nur versucht Jordan, ihnen trotz allem gerecht zu werden, so dass „Greta“ weder als Thriller noch als Parodie ganz aufgeht und am Ende zwischen allen Stühlen landet.

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