ZDF-Film

Volker Schlöndorffs erster Krimi ist ein Meisterstück

Jakob Franck (Thomas Thieme, r.) verhört Inge Nemetzki (Ursina Lardi, l.), die Schwester der toten Doris Winther, im Klassenzimmer.

Foto: Conny Klein / ZDF und Conny Klein

Jakob Franck (Thomas Thieme, r.) verhört Inge Nemetzki (Ursina Lardi, l.), die Schwester der toten Doris Winther, im Klassenzimmer. Foto: Conny Klein / ZDF und Conny Klein

Starregisseur Schlöndorff hat seinen ersten Krimi inszeniert. „Der namenlose Tag“ ist wunderbar ruhig erzählt, aber jederzeit spannend.

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Kann man einen mysteriösen Todesfall aufklären, indem man an die Decke starrt und Bilder der eigenen Fantasie auf sich wirken lässt? Natürlich amüsieren sich die jungen Kollegen auf dem Revier über den alten Kommissar a.D. und seine meditativen Momente. Aber die Art, sich in die Menschen und ihre Emotionen hineinzuversetzen, fördert Verschüttetes zutage, und damit weit mehr als nur die Antwort auf die Frage, ob ein junges Mädchen sich erhängt hat oder doch getötet wurde.

Vielleicht braucht es gerade einen Filmerzähler mit unverstelltem Blick, der uns Krimi-Übersättigten noch einen Ermittler servieren kann, dem wir so gebannt folgen wie diesem Jacob Franck in „Der namenlose Tag“.

Kommissar mit feinen Antennen für Zwischenmenschliches

Es ist Volker Schlöndorff, seit „Der junge Törless“ und „Die Blechtrommel“ Experte für Literaturverfilmungen und international gefeierte Kinogröße („Tod eines Handlungsreisenden“), der nach eigenem Bekenntnis noch nie einen „Tatort“ komplett gesehen hat, weil es ihn nicht interessiere, wer der Täter sei. Friedrich Anis Roman, der eben weit mehr ist als ein herkömmlicher Krimi, hat ihn offensichtlich so sehr gereizt, dass er fürs Fernsehen das Buch adaptierte und Regie führte.

Und das liegt gewiss an diesem pensionierten Polizisten, der den Fall mit seiner Präsenz trägt. Thomas Thieme, der zu den Größten seines Fachs in Deutschland zählt, ist dieser Jacob Franck, körperlich ein Brocken, aber mit feinsten Antennen für Zwischenmenschliches.

Thieme spielt ihn leise, mild, unaufdringlich, zuhörend, weit weg von den wuchtigen Scheusalen, die er so oft verkörpert. Sein bedächtiges Tempo ist das Tempo dieses wunderbar ruhig erzählten, aber jederzeit spannenden Dramas. Es lässt Rückblenden und Gegenwart so ineinanderfließen, dass man im Erzählstrom nie den Halt verliert.

Devid Striesow als starker Gegenpol

Stundenlang verharrt dieser Franck in einer tröstenden Umarmung mit einer Mutter (bewegend: Ursina Lardi), die gerade ihre Tochter verloren hat. Franck ist der feinfühlige Polizist, der die traurigen Nachrichten überbringt, er ist überzeugt, das Mädchen habe sich selbst umgebracht. Zwei Jahre später ist auch die Mutter tot, sie hat sich erhängt, und ihr Mann (Devid Striesow), ein wohlhabender Textilhändler, reißt Franck aus dem Ruhestand: Seine Tochter habe sich damals nicht selbst getötet, es sei der Zahnarzt gegenüber gewesen, der so oft junge Mädchen verführt habe.

Striesow, nervös und vibrierend, ist ein starker Gegenpol zum in sich ruhenden Thieme; er gibt den Vater als Hyperventilierenden, so empört, dass er selbst zum Verdächtigen wird. Und war da nicht auch noch ein Freund des Mädchens mit Hang zu Satanistenspielchen? Für Schlöndorff ist der Krimi nur ein fesselnder Rahmen, um zwischenmenschliche Verwerfungen auszuloten, Geheimnissen und Schuldgefühlen auf die Spur zu kommen. Und doch zerstört er nicht das Erwartungsmuster: Wer der Täter ist oder ob es einen gab, das lässt ihn am Ende nicht kalt.

Fazit: Krimi in Zeitlupe: Ein erzählerisches und darstellerisches Meisterstück.

ZDF, Montag, 5. Februar, 20.15 Uhr

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