ARD-Krimi

„Tatort“ verabschiedet sich mit Glanzstück in Sommerpause

Das sind die beliebtesten Tatort-Kommissare

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München.  Im Münchner „Tatort“ geht es um den Tod eines Jungen und familiäre Abgründe. Ein stilistisches Glanzstück vor der langen Sommerpause.

Vielleicht sollte man einen Wintermantel tragen, wenn man diesen Münchener „Tatort“ anschaut. Der Tod eines Jungen und die Folgen für zwei Familien verhandelt er in einer derart unterkühlten Tonlage, dass einen fröstelt.

Man darf sich vom lyrisch anmutenden Titel „Lass den Mond am Himmel stehn“ nicht in die Irre führen lassen: Wir blicken in die familiäre Vorhölle – und in der herrschen Minusgrade. Was aber viel wichtiger ist: Der „Tatort“ verabschiedet sich mit einem stilistischen Glanzstück in die dreimonatige Sommerpause.

„Tatort“-Regisseur Christopher Schier transportiert Düsternis

Das Sezieren vermeintlicher Familienidylle gehört zu den beliebten Spielarten des „Tatort“. Regisseur Christopher Schier betreibt es mit selten erlebter Intensität, in unheimlich wirkender Stille und unter Ausblendung jeglicher Klischees.

Die beiden Familien, denen er mit Hilfe exzellenter Kameraarbeit (Thomas W. Kiennast) nahe rückt, sind lose befreundet, leben in supermodernen Bungalows, denen die spartanische Luxus-Möblierung den letzten Seelenrest entzogen hat. Kiennast dimmt in seinen Bildern das Licht, was der Szenerie eine zusätzliche Prise Düsternis verleiht.

Wie erstarrt wirkt auch das Personal in dieser Katalogwelt, ein puppenhaftes Quartett mit gefühlsentleerten Gesichtern, übrigens durchweg glänzend gespielt: Die Kovacics, er Chirurg (Lenn Kudrjawizki), sie Hausfrau (Laura Tonke) und die Schellenbergs, sie Anwältin (Victoria Mayer), er High-End-Boxenbauer (Hans Löw). Als Emil, der 13-jährige Sohn aus erster Ehe von Judith Kovacic, von einem Besuch bei seinem Freund Basti Schellenberg (Tim Offerhaus) nicht nach Hause kommt und tot aus der Isar gezogen wird, geraten die Dinge in Bewegung.

Geheimnisse werden Stück für Stück enthüllt

Sein Fahrrad wird im Wald gefunden, nebenan treffen sich regelmäßig vergnügungssüchtige Erwachsene auf einem Sex-Parkplatz. Hat er da etwas Verbotenes gefilmt? Und war er nicht verliebt in Bastis 18-jährige Schwester (Lea Zoe Voss)?

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Stück für Stück gibt das kluge Drehbuch von Stefan Hafner und Thomas Weingartner seine Geheimnisse preis, schlägt aber immer noch einen Haken, so dass man sich in nichts sicher sein kann. Die alten Haudegen Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) werden beinahe zu Statisten bei ihren Ermittlungen, sie nehmen sich auffallend zurück in diesem Familiendrama: Für den üblichen Münchener Buddy-Flachs ist in dieser bitterernsten Geschichte kein Platz.

Neuer „Tatort“ aus München ist mehr als ein reiner Fernsehkrimi

Wie Christopher Schier parallele Verhöre montiert, stumme Bilder der Bedrückung aneinanderreiht, ehe der Schmerz auch mal explodieren darf, wie er ein nachhaltig erschütterndes Finale ohne aufgebauschte Dramatik inszeniert, das ist schon in der Erzähl-Ästhetik ziemlich großes Kino, wie man es vom Fernsehkrimi kaum kennt.

Markus Kienzls Musik signalisiert sehr präsent permanente Beunruhigung, ist akzentuiert und doch nie aufdringlich. Es könnte ein Lehrstück für jene sein, die Musik als reine Untermalung missverstehen. Es passt hier eben alles.

• Sonntag, 7. Juni, 20.15 Uhr, Das Erste: „Tatort“

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