Prostitution

Echt jetzt? Streit um die NDR-Fake-Doku "Lovemobil"

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Szene aus dem Film "Lovemobil". Der NDR-Doku werden Fake-Vorwürfe gemacht.

Szene aus dem Film "Lovemobil". Der NDR-Doku werden Fake-Vorwürfe gemacht.

Foto: Christoph Rohrscheid/WDR/NDR/dpa

Berlin.  NDR-Film nach Täuschungs-Vorwürfen nicht mehr für Grimme-Preis nominiert – Sender schließt Zusammenarbeit mit Autorin aber nicht aus.

Manchmal liegt der Skandal nicht in der Enthüllung eines Missstands, sondern in der Reaktion darauf. Dass bei der Kino-Doku „Lovemobil“ über Prostitution an Bundesstraßen massiv geschummelt wurde, hat der NDR als Co-Produzent am Montag öffentlich gemacht und sich von dem preisgekrönten Film distanziert.

Die Regisseurin indes versteht die Aufregung nicht und weist den Vorwurf der Fälschung von sich. Sie behauptet: „Diese Realität, die ich in dem Film geschaffen habe, ist eine viel authentischere Realität.“ Echt jetzt?

Regisseurin arbeite fünf Jahre am Film

Ein Tatsachenfilm, wahrer als das echte Leben? Finde den Fehler. Der NDR hat dafür lange gebraucht. Fünf Jahre, seit 2014, arbeitete die Berliner Autorin Elke Margarete Lehrenkrauss an dem Stoff über das Prostituiertenmilieu in Wohnwagen und Wohnmobilen an einer norddeutschen Bundesstraße.

Für die Realisierung ihres Projekts erhielt die Regisseurin Mittel aus der Filmförderung von Nordmedia sowie vom Sender, dessen Dokumentarfilmredaktion das Werk begleitete und nach der Fertigstellung 2019 auch abnahm. Über das Gesamtbudget des 106-Minuten-Films wurde Stillschweigen vereinbart, der NDR war mit zehn Prozent beteiligt.

Regisseurin gab zu, NDR nicht über "Inszenierungen" informiert zu haben

Warum es so lange dauerte, bis dem Sender die „Kunstgriffe“ der Filmemacherin auffielen, ist nun Gegenstand von internen Nachforschungen. Auch interessant: Elends-Prostitution auf Mallorca - Lage verschärft sich

In einer Stellungnahme erklärt der NDR, dass die Redaktion in der mehrjährigen Produktionszeit nichts von den Inszenierungen gewusst habe und die Vorwürfe der Autorin, man habe keine Nachfragen zur Authentizität gestellt, vehement bestreite. Inzwischen hat das Grimme-Institut reagiert und „Lovemobil“ von der Nominierungsliste für den diesjährigen Preis entfernt.

Investigativ-Redaktion STRG_F erhielt Tipp aus dem Produktionsumfeld

Auslöser für die kritische Untersuchung des Films, der 2020 den Deutschen Dokumentarfilmpreis erhalten hatte, waren Recherchen der NDR-Redaktion STRG_F. Das Investigativ-Team hatte einen Tipp aus dem Umfeld der Produktion bekommen und war schnell auf Unstimmigkeiten gestoßen.

  • Doku-Tipp:

Regisseurin Lehrenkrauss räumte ein, den Sender nicht über „Inszenierungen“ informiert zu haben – dieser hätte aber auch nicht nachgefragt. Dabei sind die Abweichungen der angeblichen Doku von der Realität erheblich.

In der Dokumentarfilm-Szene waren die gestellten Szenen in „Lovemobil“ ein offenes Geheimnis

So handelt es sich bei der Prostituierten „Rita“, einer der beiden Protagonistinnen, überhaupt nicht um eine Sexarbeiterin, sondern um eine Darstellerin, die Szenen nachspielt. Ihre Kollegin „Milena“ war nicht in den im Film gezeigten Wohnmobilen bei Gifhorn im Einsatz, sondern in einer „Table Dance“-Bar in einer anderen Region.

Auch sie spielte die „Lovemobil“-Episoden nach. Bei einem angeblichen Freier handelte es sich um einen Bekannten der Autorin. Dies entspreche nicht den „Standards, die der NDR an dokumentarisches Erzählen anlegt“, erklärte Programmdirektor Frank Beckmann.

Für Kenner ist der Fake „offensichtlich“

In der Dokumentarfilmszene zeigt man sich überrascht, dass der Sender als Co-Produzent von den Verfremdungen nichts geahnt haben will, obwohl der Film seit fast zwei Jahren gezeigt wird.

Für David Bernet, Vorsitzender des Verbands AG DOK ist es „offensichtlich, dass es sich bei ‚Lovemobil‘ um eine hybriden Beitrag handelt“ – so werden in Fachkreisen Dokumentarfilme bezeichnet, die Realität und Fiktion vermischen. Gestellte Szenen, so Bernet, seien für Filmerfahrene aufgrund der Kameraposition, der Ausleuchtung und auch des Verhaltens der gezeigten Personen klar erkennbar.

Grimme-Direktorin sieht „schwerwiegende Verstöße“ gegen Doku-Standards

Für derartige Kunstgriffe gibt es sogar Fachausdrücke. Filmwissenschaftler sprechen von „dokumentarischer Intervention“ oder „motivierten Szenen“, wenn der Realität nachgeholfen wird. Das aber sollte für den Zuschauer transparent gemacht werden, etwa durch Untertitel oder einen erklärenden Text im Abspann.

Weil die Autorin von „Lovemobil“ dies weder gegenüber dem NDR noch dem Zuschauer kommuniziert habe, ist nach Ansicht von Bernet „ein Schaden für das Genre entstanden, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen“.

Die Direktorin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, wird deutlicher: „Nach Kenntnisnahme der massiven Vorwürfe rund um den Film ‚Lovemobil‘ hat die Nominierungskommission entschieden, der Produktion aufgrund schwerwiegender Verstöße die Nominierung zu entziehen. Wir unterstützen diese Entscheidung der Kommission nachdrücklich.“ Damit wird sich die Jury des diesjährigen Preises erst gar nicht mit dem NDR-Beitrag beschäftigen.

SWR prüft Aberkennung des Deutschen Dokumentarfilm-Preises

Ob auch die Jury des vom SWR gestifteten Deutschen Dokumentarfilmpreises „Lovemobil“ den 2020 verliehenen Preis aberkennt, ist noch offen. Die Auszeichnung war mit 20.000 Euro dotiert.

Auf Anfrage dieser Redaktion heißt es, dass der Film nach aktuellen Recherchen „in vielen Szenen inszeniert und nicht authentisch“ sei. „Der SWR wird aufgrund der neuen Erkenntnisse die Preisvergabe sorgfältig überprüfen und die Auszeichnung gegebenenfalls aberkennen“, so eine Sprecherin.

NDR hat Themenseite zur Untersuchung eingerichtet

Der NDR hat inzwischen auf seiner Homepage eine Themenseite zur Untersuchung der Fälschungsvorwürfe eingerichtet, inklusive der Beantwortung „häufig gestellter Fragen“. Dort heißt es, der Sender distanziere sich von der Produktion und werde alle Vorgänge transparent machen.

„Wir müssen neben der vollständigen Aufklärung noch bessere Wege finden, wie wir uns vor solchen Irreführungen schützen können“, so Beckmann. Das Genre Dokumentarfilm sei Realität und Wahrheit verpflichtet, weswegen auch Dokudramen „sauber zwischen Fiktion und Wirklichkeit trennen“ müssten.

NDR-Lob trotz Täuschungs-Vorwurf: „Autorin hat beeindruckenden Film gemacht“

Dass die Filmemacherin dies nicht getan und den Sender darüber nicht informiert hat, ist unstrittig. Beim NDR werden zwar juristische Konsequenzen geprüft, doch die dürften nicht allzu hart ausfallen. Eine Sprecherin: „Der NDR wird mit Augenmaß reagieren. Frau Lehrenkrauss hat schließlich gearbeitet und einen Film abgeliefert.“

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Und weiter: „Die Autorin hat das entgegengebrachte Vertrauen missbraucht. Trotzdem hat sie einen beeindruckenden Film gemacht, allerdings keinen Dokumentarfilm. Man hätte ihn ordentlich kennzeichnen müssen.“ Eine künftige Zusammenarbeit mit Regisseurin Lehrenkrauss schließe der Sender „nicht grundsätzlich aus“.

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