Talkshow

Markus Lanz: Woran deutsche Diskussionen über Trump kranken

Markus Lanz sprach mit seinen Gästen lange über das die Vorwürfe gegen Donald Trump.

Markus Lanz sprach mit seinen Gästen lange über das die Vorwürfe gegen Donald Trump.

Foto: ZDF

Berlin.  Scheitert der US-Präsident an der Ukraine-Krise? Darum ging es bei Markus Lanz. Die Diskussion hatte einen ganz entscheidenden Makel.

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Eine Einblendung bei „Markus Lanz“ am Dienstagabend zeigte einen der letzten Tweets des US-Präsidenten Donald Trump, abgeschickt am frühen Morgen des 1. Oktober 2019. Zu sehen ist eine fast vollständig im republikanisches Rot getauchte Landkarte der USA, darüber der Schriftzug: „Try to impeach this“, übersetzt: „Versucht, dies anzuklagen.“

Die Botschaft ist ebenso klar wie plump: Hier soll nicht nur der Mann seines Amtes enthoben werden, der zugleich Staatsoberhaupt, Regierungschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Vereinigten Staaten ist. Hier geht es um das gesamte Volk, und es wird sich zur Wehr zu setzen wissen.

Dass im Dauerfeuer von Trumps Selbsterklärungen auf Twitter kein Platz ist für Nuancen – etwa für die Erkenntnis, dass seine Karte Großstädte mit einwohnerarmen Flächenstaaten gleichsetzt oder dass ihn die Amerikaner nie mehrheitlich gewählt haben – ist keine neue Erkenntnis. Aber seine PR-Maschine in eigener Sache läuft im Zuge der Ukraine-Krise und dem möglichen Amtsenthebungsverfahren auf derart hohen Touren, dass selbst routinierten Beobachtern schwindlig davon wird.

Donald Trump spricht von Hexenjagd und Bürgerkrieg

Markus Lanz versuchte in seiner Sendung, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Er fragte die in New York lebende Finanzexpertin und Juristin Sandra Navidi, die nachgezählt hatte: Innerhalb der vergangenen 36 Stunden habe Trump über hundertmal getwittert und dabei sein gesamtes Rechtfertigungsarsenal in Stellung gebracht – etwa die Drohkulisse eines Bürgerkriegs, sogar von Geistlichen angeblich beglaubigt. Oder die berühmte „witch hunt“, die Hexenjagd, die Trump schon in vielen anderen Zusammenhängen gegen sich angezettelt sah. Navidi erkannte in der gegenwärtigen innenpolitischen Lage in den USA ein „absolutes Chaos“.

Für den davon etwas verwirrten Zuschauer trug Lanz noch einmal die wichtigsten Informationen zusammen: Es geht um das Gedächtnisprotokoll eines Telefonats zwischen Donald Trump und dem neu gewählten ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im vergangenen September. Darin drängte Trump den Amtskollegen, Ermittlungen gegen den Sohn seines möglichen demokratischen Herausforderers Joe Biden einzuleiten, weil dieser von einem ukrainischen Oligarchen Geld erhalten habe. Und dies nur wenige Wochen, nachdem angeblich auf Trumps Anweisung Militärhilfen der Amerikaner an die Ukraine in Höhe von 400 Millionen Dollar eingefroren worden waren.

Lanz’ Gäste sind sich beim Thema Trump einig

Hat Trump also, zur Freude des russischen Präsidenten Wladimir Putin übrigens, vitale geostrategische Interessen verletzt, um dem persönlichen Ziel der Wiederwahl näher zu kommen?

Es sieht danach aus, und hier war sich der Politikwissenschaftler Andrew Denison mit seiner Vorrednerin einig. Er erzählte vom Zustandekommen eines solchen Gedächtnisprotokolls, ein Sicherheitsberater Barack Obamas habe es einmal dargestellt. Etwa ein Dutzend Menschen höre bei dem Telefonat mit, im Oval Office und im „Situation Room“, dem Lage-Zentrum im Weißen Haus. Danach werde das Gehörte zu einem möglichst exakten Dokument verdichtet. Dass es dann aber auf einem Server gelandet sei, auf dem normalerweise nur höchste Staatsgeheimnisse gesichert werden: Das sei überaus ungewöhnlich und spreche für einen Vertuschungsversuch.

Sowohl Denison als auch Navidi waren sich darin einig, dass die Aussichtslosigkeit des Impeachment-Verfahrens im republikanisch dominierten Senat nicht so sicher feststehe, wie bereits vielerorts zu lesen war. „Es wird immer mehr ans Licht kommen“, weissagte Navidi, und Denison verwies auf die Trump-Skeptiker aus dem republikanischen Lager, die Senatoren aus Wyoming, Nebraska und Utah zum Beispiel. Sie und andere mehr würden spätestens dann zu schwanken beginnen, wenn sich der Wind in den Meinungsumfragen drehe.

Mehr Streit über Donald Trump wäre wünschenswert

Der Trump-Abschnitt der Sendung krankte ein wenig daran, dass eine Gegenstimme fehlte. Denison und Navidi widersprachen sich nur in unbedeutenden Diskursverästelungen, in allen wesentlichen Fragen herrschte Einigkeit. Natürlich ist es nicht leicht, in Deutschland einen Fürsprecher dessen zu finden, was sich in den sozialen Netzwerken Tag für Tag als galoppierender Wahnsinn darstellt.

Klar ist aber auch: Über fast jede Frage wird in deutschen Talkshows gestritten, meist zu viel und auf Kosten von Differenzierung. Bei Donald Trump würde man sich etwas mehr Streit wünschen. So blieb der Erkenntnisgewinn für den täglichen Nachrichtenkonsumenten bescheiden.

Markus Lanz: Vater erzählt von an Islamismus verlorener Tochter

Es blieb politisch, aber auch das nächste Großthema konnte nur gestreift werden: der Umgang mit dem islamistischen Terrorismus. Der Unternehmer Mike Messing erzählte, wie er seine erst 15-jährige Tochter – das Alter betonte Lanz, als wäre die Dramatik nicht klar genug, gleich dreimal – an die IS-Terrormiliz in Syrien verlor. Leonora hatte bis dahin Schminktipps auf YouTube gegeben, dann war sie eines Tages verschwunden. In die Türkei zunächst, dann meldete sie sich schließlich aus Syrien, wo sie die dritte Ehefrau eines IS-Kämpfers wurde, dessen ostdeutsche Wurzeln der Vater im Telefonat herauszuhören meinte.

Der Journalist Volker Kabisch, ebenfalls bei Lanz zu Gast, hat den sehenswerten Dokumentarfilm „Leonora – Wie ein Vater seine Tochter an den IS verlor“ über diesen Fall gedreht, der noch bis September kommenden Jahres in der ARD-Mediathek angesehen werden kann. Momentan hält sich Leonora in einem kurdischen Flüchtlingscamp auf. Wie es weitergeht, ist unklar. Wer selbst Kinder hat, konnte von Messings Schilderungen nicht unberührt bleiben.

Nach so großkalibrigen Themen hatte es der Musiker Thees Ullmann schwer, wieder in etwas leichteres Fahrwasser zu kommen. Ullmann hat zuletzt sein Album „Junkies und Scientologen“ veröffentlicht, das es gleich auf Platz 2 der Charts schaffte. Fünf Jahre hat er daran gearbeitet. Er schlug sich tapfer, unter anderem mit einer Liebeserklärung an die junge Generation, die in dem oft beklagten Selbstoptimierungswahn, zum Beispiel auf Instagram, eben nicht aufgehe. Aber er tat sich schwer mit dem existenziellen Ton, den vorigen Themen gesetzt hatten. Eines von diesen hätte sicher für den ganzen Abend gereicht.

Hier gibt’s diese „Markus Lanz“-Sendung in der ZDF-Mediathek.

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