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„Markus Lanz“: Hilft die allgemeine Impfpflicht bei Omikron?

| Lesedauer: 8 Minuten
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin  Bei „Markus Lanz“ diskutierte die Runde über die neue Omikron-Variante. Gibt es eine mildere Möglichkeit als die Impfpflicht für alle?

„Wie kann es sein, dass so ein hochentwickeltes Land nicht genau beziffern kann, wie viele Menschen wirklich geimpft sind?“ Markus Lanz konnte es nicht fassen, dass es in Deutschland kein zentrales Impfregister gab wie zum Beispiel in Österreich. Wie sollte da eine allgemeine Impfpflicht kontrolliert, dokumentiert werden, wenn das RKI seine Zahlen nur schätzen konnte?

Das war schon eine der klügeren Fragen, die Markus Lanz an diesem Donnerstagabend in die Runde warf. Und sein Talk war schon eine Stunde alt, als es noch einmal interessant wurde, weil es endlich um die Zukunft ging: Werden wir nach einer allgemeinen Impfpflicht etwa auch noch ein Impf-Abo bekommen, mit einer vierten, fünften, sechsten Impfung?

„Markus Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister Hamburg
  • Markus Blume (CSU), Generalsekretär
  • Helene Bubrowski, Journalistin
  • Christiane Woopen, Ethikerin
  • Timo Ulrichs, Virologe

Möglich wäre es. Christiane Woopen griff zu einem Luft-Vergleich, um die Situation zu erklären: Wenn man auf einen hohen Berg steigen wollte, wo die Luft viel dünner war, würde man seinen Körper vorher trainieren, um ihn in die Lage zu bringen, sich mit der geänderten Luftqualität zurechtzufinden. „Dieses Trainieren ist das Impfen“, erklärte sie, „wenn wir das akzeptieren, dann kommen wir als Gesellschaft damit auch friedlich und gut zurecht.“

„Markus Lanz“: Muss Impfpflicht auch in anderen Ländern kommen?

Skeptisch äußerte sich die Medizinethikerin dagegen zur allgemeinen Impfplicht: „Wenn wir von Impfpflicht sprechen, als dem Mittel, das die Pandemie beendet, dann müssen wir international darüber sprechen“, begründete sie ihre Sicht. „Wir tun aber nicht viel dafür, dass der Impfstoff auch nur ansatzweise gerecht verteilt wird“, bemängelte sie.

In Angesicht von Omikron ist für sie „nicht impfen oder testen, sondern beides“ das Gebot der Stunde: „Warum gibt es keine Liste mit wirksamen Selbsttests für Zuhause? Warum werden nicht jedem Haushalt kostenlose und wirksame Selbsttests zur Verfügung gestellt?“, fragte sie und befürchtete, dass wieder nicht rechtzeitig die richtigen Schritte eingeleitet wurden.

„Markus Lanz“: Gibt es ein milderes Mittel als die Impfpflicht?

Als Juristin erkannte „FAZ“-Redakteurin Helene Bubrowski, dass eine Impfpflicht medizinisch „möglicherweise zwingend notwendig“ im Kampf gegen das Coronavirus war, aber auch „ein massiver Eingriff in das Recht auf körperliche Unversehrtheit“. Gäbe es ein milderes Mittel, stellte sie als überlegenswerte These in den Raum. Und schlug dann eine Teil-Impfpflicht vor, zum Beispiel für Ü-60-jährige, wie sie in Griechenland praktiziert werde.

Timo Ulrichs, nicht gerade als Alarmist bekannt, betonte vor allem, wie wichtig die Booster-Impfung war, um bei der Omikron-Variante „die Immunantwort ganz nach oben zu bringen“ und die Wirksamkeit des Impfschutzes zu verbessern. „Das ist die gute Nachricht“, erklärte der Virologe, „und die sehr gute Nachricht ist, dass die mRNA-Impfstoffe angepasst werden können.“

Die geschätzten Zahlen, die das Robert Koch-Institut von den Bundesländern geliefert bekam, waren aber nicht das Einzige, was eine Prognose über die Pandemie-Entwicklung erschwerte: „Als eine seiner ersten Amtshandlungen als Bundesgesundheitsminister“, berichtete der Virologe weiter, „hatte Karl Lauterbach eine Inventur durchführen lassen, wieviel Impfstoff wir überhaupt haben und wo er ist.“ Auch das konnte Markus Lanz kaum nachvollziehen: „Wenn man nicht weiß, wieviel Impfstoff man braucht, ist es auch egal, wo er ist,“ kommentierte er sarkastisch.

„Markus Lanz“: 2G-Regel erweist sich als starker Impfanreiz

So egal auch wieder nicht, natürlich nicht: Eine Million Impfdosen wurden aktuell pro Tag verimpft, so viele wie in keinem anderen Land. „Irgendwann werden wir aus dieser Pandemie rauskommen“, versprach Timo Ulrichs, „durch die Impfung oder durch eine Durchseuchung mit viel mehr Toten.“ Da wäre die Impfung schon besser. Er war für die Impfpflicht, wie auch die beiden Politiker in dieser „Lanz“-Runde, die allerdings auch zugaben, dass „das keine Lösung für das aktuelle Problem“ der vierten Welle sei.

Eine geschlagene Stunde lang ging es bei „Markus Lanz“ aber erst einmal um „Vergangenheitsbewältigung“ (Lanz), und also darum, wer in dieser Pandemie, was, wann und warum nicht getan hatte. Warum zum Beispiel hatte Bayern bis Mitte oder Ende Oktober noch nicht eingeführt, was Peter Tschentscher in Hamburg schon Ende August angeordnet hatte: 2G in vielen Bereichen des öffentlichen Raums?

„Die Einsicht, dass Testen keine Alternative zur Impfung war, kam zusammen mit der klaren Ansage, dass es für Ungeimpfte schwerer werden würde“, erklärte Hamburgs Erster Bürgermeister (SPD), zugeschaltet ausnahmsweise aus Berlin, wo er gerade aus der regulären Bund-Länder-Konferenz gekommen war. Deshalb blieb er wohl auch nur knapp 50 Minuten.

Corona: Testpflicht entfällt für Geboosterte
Corona: Testpflicht entfällt für Geboosterte

„Das hatte einen Impf-Anreiz ausgelöst“, berichtete Peter Tschentscher weiter, ohne den geringsten Anflug von Prahlerei, aber mit einem ausdrücklichen „Dank an alle, die die Impfempfehlung angenommen haben“: Bei den Über-18-Jährigen kann Hamburg aktuell eine Impfquote von über 90 Prozent vorweisen.

„Markus Lanz“: Mangelnde Impfbereitschaft in Bayern – CSU-Politiker sieht einen Grund

Von einer solchen Impfquote ist Bayern, das zur gleichen Zeit lediglich auf 3G gesetzt hatte, noch weit, weit entfernt. Dabei sah sich doch Markus Blume ebenfalls im „Team Vorsicht“ – weil sich die bayerische Landesregierung nicht hatte von der „medialen Stimmung im Sommer“ beirren lassen, dass die Pandemie vorbei sei.

Dass „die Impfbereitschaft im Norden höher war als im Süden“, schob er auf den „widerständigen Geist im Alpenraum“ (Bayern, Österreich und Südtirol), wo sich die Menschen „erst im Angesicht des absoluten Schreckens“ dafür entschieden. Jetzt, nach zwei Wochen Lockdown für Gastronomie, Clubs und Diskotheken in den „Superhotspots“, lag kein Landkreis mehr über einer Inzidenz von 1000, erklärte er, fast stolz.

Der Wahlkampf ist zu Ende, den Schmerz über die ungewohnte Oppositionsrolle hat der CSU-Generalsekretär aber offensichtlich noch nicht verwunden: Auf Twitter beschimpfte er am Tag der Regierungsübernahme den neuen Bundesverkehrsminister Volker Wissing als Wendehals beschimpft, der das Auslaufen der epidemischen Lage auf die alte Bundesregierung zu schieben versuchte – und dabei bewusst unterschlagen, dass einst auch Unionsminister wie Jens Spahn ein Ende der epidemischen Lage von nationaler Tragweite verlangt hatten.

„Markus Lanz“: CSU-Politiker war nicht bereit zu konstruktiven Vorschlägen

Das war nur „eine erlaubte Härte unter Generalsekretären“, versuchte er lax das Foul gegen den ehemaligen FDP-Kollegen zu entschuldigen, zeigte aber Nerven, als Markus Lanz ihn immer wieder auf mögliche Fehlentscheidungen bei der bisherigen Pandemie-Bekämpfung ansprach: „Sie sind ein Meister der Vergangenheitsbewältigung“, wehrte er sich schroff.

Zu konstruktiven Vorschlägen war er jedenfalls noch nicht bereit. „Fordern Sie doch jetzt mal ein zentrales Impfregister“, drängte ihn Markus Lanz ganz zum Schluss, vielleicht auch nur, um eine schöne Zeile zu kriegen. Vergeblich. Das Einzige, was Markus Blume bereit war, zuzugestehen, war: „Das muss man debattieren.“

„Markus Lanz“ – So liefen die vergangenen Sendungen

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