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„Lanz“: Will der Linken-Spitzenkandidat die Nato abschaffen?

Lesedauer: 6 Minuten
Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Markus Lanz: Der ZDF-Moderator im Porträt

Seine Talkshow ist ein Dauerbrenner im ZDF: Wir zeigen im Video die beruflichen Stationen von Markus Lanz, seine Leidenschaft und seine kaum bekannte Ehefrau Angela Gessmann.

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Berlin.  Was will die Linke? Die Bundestagswahl zweistellig gewinnen, setzte Fraktionschef Dietmar Bartsch bei „ Markus Lanz“ als Zielmarke.

„Jeder Mensch in der Linken und in ganz Deutschland weiß, dass wir die NATO nicht abschaffen werden“, sagte Dietmar Bartsch bei „Markus Lanz“.

Da war der „Lanz“-Talk schon fast vorbei und der Fraktionschef der Linken zusehends genervt von den unaufhörlichen Nachfragen des Moderators: Würde die Links-Partei ihr Verhältnis zur NATO überdenken, wie es Grünen-Chef Robert Habeck forderte, um im Herbst in einem Mitte-Links-Bündnis mitregieren zu können?

Wer weiß. Der Versuch, den linken Spitzenkandidaten festzunageln auf ein eindeutiges Bekenntnis, wollte jedenfalls nicht gelingen. Dafür mochte Markus Lanz Dietmar Bartsch persönlich sehr gerne, wie er zugab. Zu gerne auch, um weiter als bis zu der neckischen Frage zu insistieren, ob die Linke ihre NATO-Abschaffungsforderung auch nicht um vier Jahre verschieben würde.

„Wir haben eine klare Beschlusslage“, hatte Dietmar Bartsch da längst im kantigen Parteisprech erklärt, „wir wollen die NATO umwandeln in ein System kollektiver Sicherheit, unter Einschluss Russlands.“

„Markus Lanz“ – Das waren die Gäste:

  • Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag
  • Anna Lehmann, Journalistin
  • Prof. Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats
  • Prof. Harald Lesch, Wissenschaftsjournalist
  • Mehr zu den Gästen lesen Sie hier

Bartsch bei Lanz: „NATO ist kein Zukunftsbündnis“

Das westliche Verteidigungsbündnis habe keine Zukunft, selbst Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hätte es für hirntot erklärt. Als großer Waffenexporteur leistete Deutschland außerdem einen enormen Beitrag, dass Menschen vor Kriegsgeschehen fliehen müssten. Deshalb störten ihn auch die auf 50 Milliarden Euro gestiegen Rüstungsausgaben: „Ein Wahnsinn, da machen wir nicht mit.“

Für eine mögliche Regierungsbeteiligung nach der Bundestagswahl hieße das aber noch lange nichts. Jeder sollte sich um seine eigene Partei kümmern, riet Dietmar Bartsch dem Grünen-Chef aus dem Hamburger „Lanz“-Studio zu, und wenn es die Mehrheitsverhältnisse am 26. September hergaben, könnte man dann miteinander reden: „Selbstverständlich wollen wir Regierungsverantwortung übernehmen, wenn die Bedingungen stimmen“, betonte er, schaute wieder freundlich in die Runde und setzte als „Zielmarke“ ein „zweistelliges Ergebnis“ für seine Partei.

Diese Aussage war auch als Richtigstellung an Journalistin Anna Lehmann gerichtet, nicht nur an Markus Lanz. Und auch sie hatte in der „taz“ mehr oder weniger angezweifelt, dass die Linkspartei in einer möglichen Bunderegierung mitmachen wollte. Statt zu sagen, wofür sie stehe, focht die Linke lieber leere Lagerkämpfe aus, befand die Innenpolitik-Redakteurin: „Das liegt an ihrer Verfasstheit, an den vielen Strömungen, die zu gewissen Lähmungserscheinungen führen.“

Die Linke: Nichts als Machtkampf

„Die Linkspartei wird mittlerweile als eine Partei wahrgenommen, die sich eher um sich selbst kümmert“, spielte sie vor allem auf den Streit an, bei dem sich Katja Kipping und Sahra Wagenknecht zuletzt bei der Frage der offenen Grenzen „mit Wonne“ zerstritten hatten. Das hätte viele Mitglieder verschreckt, gerade die jungen: „Von den 3.500, die 2017 neu in die Partei eingetreten sind, sind 3.000 bis heute wieder ausgetreten.“

Dietmar Bartsch teilte ihre Analyse ausdrücklich nicht. Auch wenn er zugab, dass der Zwist der beiden Politikerinnen über „das inhaltliche Problem Migration auf einer machtpolitischen Folie behandelt wurde“. Es war also nichts anderes als ein Machtkampf. Er selbst habe sich nie daran beteiligt. „Ich will das nicht bedienen, dass die Linke sich möglichst gerne zerstreitet“, begründete er seine Zurückhaltung, eine eindeutige Position einzunehmen. „Ich, Dietmar Bartsch, gehöre zum Lager Bartsch.“

Es waren nicht die einzigen Streitpunkte in der freundlich-harten Kontroverse der beiden Linken-Kenner. Über die längste Zeit talkte das Gäste-Quartett ohnehin angeregt über die Pandemie. Und das mit vollkommen neuen Fragenstellung – ging es doch diesmal insbesondere um die Rolle der Wissenschaft und ihren Einfluss auf die Politik.

„Markus Lanz“: Vertrauen in die Wissenschaft

Alena Buyx, Medizinerin und Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, freute sich zumindest, dass das Vertrauen in die Wissenschaft während der Pandemie gestiegen war. „Das ist ein toller Effekt“, bemerkte sie.

Obwohl der „Sprung aus den Laboren in die Öffentlichkeit oder gar politische Gestaltung“ für Wissenschaftler nicht gerade einfach zu händeln wäre: „Wir haben gelernt: Experimente sind viel wichtiger als die Forschung zu erklären“, führte sie aus. Gegenüber den Medien „muss man aber lernen, die eignen Ergebnisse so knapp zu verpacken, dass sie in eine Schlagzeile passen“.

Selbst sie schlafe ab und an schlecht bei der Vorstellung, dass ausdifferenzierte Diskussionsergebnisse dann in einer Überschrift auf ein „Für“ oder „Wider“ reduziert würden: „Man übernimmt doch eine enorme Verantwortung“, so ihr Fazit.

Harald Lesch war da als Moderator einer ZDF-Wissenschaftssendung schon länger ein Voll-Profi, er verstand sich aber immer auch noch als Lehrer, setzte er hinzu. In seinem neuen Buch „Denkt mit! Wie uns Wissenschaft in Krisenzeiten helfen kann“ wollte er hinter die Kulissen der Forschung schauen. Und beschrieb auch bei „Markus Lanz“ sehr anschaulich, warum Wissenschaftlern zugehört werden sollten, auch wenn Virologen, Epidemiologen oder Modulierer häufig unterschiedlicher Meinung wären. Das liege in der Natur der Sache, sozusagen.

Bei Lanz: Wissenschaft ist Versuch und Irrtum

„Meinungsbildung geht heute sehr, sehr schnell“, erläuterte er das Kernproblem. Getrieben von den Sozialen Medien, hätten sowohl Politiker wie auch Journalisten stets das Bedürfnis, unmittelbar zu reagieren: „Meinung muss sofort da sein, der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn aber kann Jahrzehnte dauern.“

Auch funktioniere wissenschaftlichen Methodik ganz selbstverständlich nach „trial and error“ („Versuch und Irrtum“): Der Wissenschaftler stelle eine Hypothese auf, die sich im Experiment beweisen müsse. Misslingt der Beweis, sei die These tot. Und der Wissenschaftler versuche es mit einer neuen Hypothese erneut. „Alles, was wir in der Wissenschaft machen, ist ein Emporirren“, beschrieb der Wissenschaftsjournalist den Vorgang sehr plastisch.

„Die Öffentlichkeit sieht Wissenschaft aber nur von außen“, erläuterte er weiter, „und erwarteten von der Politik klare Lösungen. Wenn die Leute dann merkten: Die sind sich ja gar nicht einig, werden sie skeptisch.“.

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