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Lauterbach bei "Markus Lanz": "Die Welle läuft ja erst an"

| Lesedauer: 7 Minuten
Lauterbach will drei Dosen für Erfüllung von Impfpflicht

Lauterbach will drei Dosen für Erfüllung von Impfpflicht

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) setzt sich dafür ein, dass zur Erfüllung der geplanten Impfpflicht drei Corona-Impfungen vorgeschrieben werden. Derart Geimpfte seien "gegen alle Corona-Varianten - zumindest vor schwerer Krankheit und Tod - geschützt", sagte er in einem Interview.

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Berlin  Corona-Rekordzahlen, und der Winter ist in vollem Gange: Bei "Markus Lanz" trifft Gesundheitsminister Lauterbach düstere Vorhersagen.

"Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich bei 100 Prozent", vermutete Karl Lauterbach bei "Markus Lanz". Aber seine Antwort kam einen Tick zu schnell und zu trocken, um wirklich glaubhaft zu wirken. Zugeschaltet per Video aus Berlin, offenbarte der Bundesgesundheitsminister in diesem Moment wohl Nerven, oder auch nur: rheinischen Sarkasmus.

Ungewohnt skeptisch, störrisch sogar, hatte Markus Lanz seinen Dauergast da schon über eine lange Strecke mit wiederkehrenden Nachfragen gelöchert, von Beginn an. Vor allem bezweifelte er hartnäckig die Verlässlichkeit der Corona-Infektionszahlen, die das Robert Koch-Institut (RKI) tagtäglich herausgab, an diesem Mittwoch allein 112.000 Neuinfektionen: Wie konnten diese Zahlen noch stimmen, wenn ein PCR-Test, Grundlage für die RKI-Statistik, inzwischen drei Tage dauerte? Oder wenn jemand, der erste Symptome bemerkt, aber keine Lust auf Quarantäne hat, gar nicht erst zum Testen geht?

"Das kontrolliert doch keiner", empörte sich Markus Lanz, nachdem er richtig erkannt hatte, dass bei solchen Tagesrekorden eine Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter unmöglich war. Wie hoch ist also die Dunkelziffer?

"Markus Lanz" – Das waren die Gäste:

  • Karl Lauterbach (SPD), Bundesgesundheitsminister
  • Petra Köpping (SPD), sächsische Gesundheitsministerin
  • Martin Quent, Extremismus-Forscher
  • Franziska Klemenz, Journalistin ("Sächsische Zeitung")

Lauterbach: "Die Zahlen sind verlässlich"

Erst einmal blieb Karl Lauterbach noch gelassen. Er glaubte, dass solche Bedenken "keine gut gestützte Hypothese" waren und argumentierte dagegen mit vernünftigen Erfahrungswerten: "Es geht hier nicht ums Überprüfen", entgegnete er. "Die Allermeisten, die einen positiven Antigen-Schnelltest bekommen, wollen doch auch wissen, ob sie erkrankt sind oder nicht."

Deshalb machten die Allermeisten anschließend einen PCR-Test, beim Hausarzt oder im PCR-Testzentrum. Die Zahlen seien verlässlich, bekräftigte er. Denn noch seien die genutzten PCR-Kapazitäten ausreichend. "Aber wir werden das nicht durchhalten können", befürchtete er aufgrund der berechneten Modelle des RKI: "Wenn man sich die realistischen Szenarien anschaut, werden wir Mitte, Ende Februar den Höhepunkt erleben, mit mehreren Hunderttausend Neuinfektionen täglich."

RKI-Rekordzahlen: PCR-Tests werden priorisiert

Es drohen ähnliche Verhältnisse, wie die Briten sie gerade erlebten, trotzdem sei die Lage nicht zu vergleichen: Der Anteil der älteren (Ü-50) sei mit etwa drei Millionen "in Deutschland leider viel höher", der der Geboosterten dagegen wesentlich niedriger. "Das wird die Belastungsprobe", prognostizierte Karl Lauterbach. "Die Welle läuft ja erst an."

Bis zur Ministerpräsidentenkonferenz am Montag will er deshalb in einer Beschlussvorlage Änderungen erarbeiten, die auf die kommende Inzidenz-Entwicklung reagieren: PCR-Test sollen künftig priorisiert werden – sie werden vor allem reserviert für Mitarbeiter aus dem Gesundheits- und Pflegebereich, ebenso aber auch für Genesene, "um sicher zu gehen, dass sie nicht mehr ansteckend sind."

Dazu kommen angepasste Quarantäne-Regeln. Und eine Neuregelung der Frage, wer eigentlich als "genesen" gilt und wie lange: nur noch drei Monate.

Auch dazu fragte Markus Lanz, wieso in Österreich jemand doppelt so lange als genesen galt: Haben die Österreicher etwa ein anderes Immunsystem? Natürlich nicht. Jedes Land legte seine Regeln selbst fest, antwortete der Bundesgesundheitsminister geduldig: "Wie haben gesehen, dass man sich nach einer Delta-Infektion schon nach drei Monaten wieder mit Omikron anstecken kann."

Impfpflicht: Warum geht es nicht voran?

Obwohl Karl Lauterbach bekanntermaßen ein Kämpfer für die Impfpflicht ist, sollte er sich in diesem Lanz-Talk dann auch noch für andere Regierungsmitglieder rechtfertigen. Liegt es etwa an der FDP, dass die Ampelkoalition kein eigenes Impfgesetz vorlegt, wollte Markus Lanz wissen. Ganz und gar wollte er aber vor allem nicht verstehen, wie sich Olaf Scholz als Bundeskanzler zwar für eine allgemeine Impfpflicht aussprechen, als Abgeordneter aber nur "aktiv dafür einsetzen" wollte. So viel Schizophrenie könnte er nicht nachvollziehen, schüttelte Lanz den Kopf, und forderte klarere Führungskraft.

Karl Lauterbach ließ sich allerdings nicht aus der Reserve locken und blieb ganz bei sich: "Der Schiedsrichter kann eben nicht mitspielen", begründete er, warum sein Ministerium keinen eigenen Vorschlag zur Impfpflicht einbringt, stattdessen "nur" die Parlamentarier bei ihren verschiedenen Gruppen-Anträgen fachlich beriet. "Die Entscheidung zur Impfpflicht ist ein Ethik-Antrag", erläuterte er, bei dem die Abgeordneten fraktionsübergreifend nach eigenem Gewissen abstimmen dürfen. Selbst Angela Merkel habe bei ähnlichen Abstimmungen vorab öffentlich keine Stellung bezogen, verteidigte er seinen Bundeskanzler.

Für die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping war dagegen die Frage unerheblich, ob das Parlament oder die Regierung ein Gesetz zur allgemeinen Impfpflicht einbringt. Viel wichtiger war ihr, "den Menschen Antworten zu geben, die ich im Moment noch nicht geben kann" – ab wann, wie oft, womit. Lesen Sie dazu: Corona: Darum protestieren Ärzte gegen die Impfpflicht

Corona-Leugner stellen eine Gefahr dar

Die Situation in ihrem Bundesland ist ohnehin schwierig, wie es sich in den letzten Monaten an wiederkehrende Proteste gegen alle Corona-Maßnahmen zeigte. Im Dezember musste Petra Köpping erleben, wie Corona-Leugner mit Fackeln vor ihr Haus zogen und sie bedrohten. Was ihr aber Mut gab weiterzumachen, seien die überwältigenden Solidaritätsreaktionen in Mails und Briefen am nächsten Tag gewesen.

Auch Franziska Klemenz, Lokalreporterin der "Sächsischen Zeitung", kennt "Menschen in Sachsen, die lieber stürben als sich impfen zu lassen". Sie erinnerte aber auch daran, dass die "Freien Sachsen", bei denen sich auch ehemalige NPD-Mitglieder tummeln, schon zur Flüchtlingszeiten zu "Spaziergängen" aufgerufen hatten. Nun haben sie sich weiter radikalisiert – und beschimpfen die Polizei als "Co-Stapo", in Abwandlung von Gestapo. "Es ist reines Freund-Feind-Denken", beobachtete sie und bezweifelte, dass man "diese Leute noch erreichen kann."

Auch der Extremismus-Forscher Matthias Quent bestätigte, dass es immer wieder die gleichen Gruppen seien, die sich zu Protesten versammelten, egal zu welchem Thema: "Wer Corona leugnet, leugnet auch den menschengemachten Klimawandel."

Statt von einer "Spaltung der Gesellschaft" wollte der Soziologie-Professor an der Hochschule Magdeburg-Stendal aber lieber von "Spaltungen" sprechen, die in einer modernen Gesellschaft ganz normal seien und schon lange vor der Pandemie entstanden sind, zum Beispiel soziale Ungleichheit. "Wir brauchen unbedingt eine öffentliche Debatte darüber, wie wir nach der Pandemie miteinander umgehen wollen", forderte er. Und sah als nächsten Protest-Thema am Horizont schon den Ukraine-Russland-Konflikt aufkommen.

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