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Journalistenpreise: Der lange Schatten des Claas Relotius

Claas Relotius (Archivfoto).

Claas Relotius (Archivfoto).

Foto: dpa Picture-Alliance / Eventpress Golejewski / picture alliance / Eventpress

Hamburg.  Der Fall Relotius hatte für Preisverleihungen kaum Folgen. Eine Ehrung von Juan Moreno, der den Fall aufdeckte, ist aber überfällig.

Wenn Journalisten Preise gewinnen, ist das für alle Beteiligten eine äußert erfreuliche Angelegenheit: Die Ausgezeichneten freuen sich, ebenso wie die Redaktionen, für die die Preisträger arbeiten. Aber auch die Institution, die den Preis verleiht, kann stolz auf sich sein: Sie zeigt, dass ihr der freie, kritische Journalismus etwas bedeutet, der konstitutiv ist für das Funktionieren unserer Demokratie. Journalistenpreise sind folglich eine ganz wunderbare Sache, die man erfinden müsste, würde es sie nicht schon längst geben.

Und selbstverständlich hat man sich bei der „Berliner Morgenpost“ völlig zu Recht gefreut, als vergangenen Montag ihre beiden Journalisten Martin Nejezchleba und Julius Betschka für ihre Reportage „Die toten Babys von Neukölln“ mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet wurden. Bei ihrem Text handelt es sich um eine Lokalreportage. Und das macht die Sache noch schöner. Denn allzu oft werden Lokalreporter nicht mit Auszeichnungen bedacht.

Im Scheinwerferlicht der Branche stehen andere: Meist sind es hochmögende Reporter großer Magazine und überregionaler Zeitungen, die mit Preisen überhäuft werden. Einer von ihnen war Claas Relotius.

Claas Relotius dachte sich Artikel aus – und bekamt trotzdem Preise

Der ehemalige „Spiegel“-Redakteur dachte sich unzählige Artikel aus – und gewann mit ihnen jede Menge Auszeichnungen. Der „Spiegel“-Reporter Juan Moreno, der Relotius vor einem Jahr auf die Schliche kam, hat in seinem Buch „Tausend Zeilen Lügen“ anschaulich beschrieben, wie wichtig Journalistenpreise für die steile Karriere des Fälschers waren.

Dabei ist es unerheblich, ob Relotius wie Moreno unter Berufung auf die vom „Spiegel“ eingesetzte Aufklärungskommission schreibt, etwa 40-mal ausgezeichnet wurde oder, wie er selbst behauptet, „nur“ 19 Preise erhielt. Für einen gerade mal 33-Jährigen, so alt war Relotius, als er aufflog, sind das – so oder so – unfassbar viele Auszeichnungen.

Da Journalistenpreise einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Karrieren von Journalisten haben, darf es nach dem Fall Relotius ein „Weiter so“ nicht geben. Und tatsächlich hat der Deutsche Reporterpreis, den der Fälscher viermal gewann, seine Regeln vor dem Hintergrund dieses Skandals neu formuliert. Zu den wichtigsten Änderungen gehört, dass Einreicher nun ihren Rechercheweg offenlegen und die Telefonnummern ihrer wichtigsten Protagonisten angeben müssen. In Zweifelsfällen kann die Jury dann deren Texte von Dokumentaren nachrecherchieren lassen. Zudem darf man den Deutschen Reporterpreis nun nur noch einmal gewinnen.

Juan Moreno hätte einen Preis verdient

Gut so! Allerdings haben längst nicht alle der etwa 400 (!) deutschsprachigen Journalistenpreise Konsequenzen aus dem Fall Relotius gezogen. Das ist auch der Grund, warum sich der Autor dieser Kolumne aus der Jury zurückgezogen hat, die alljährlich für das Fachblatt „Medium Magazin“ die „Journalisten des Jahres“ auswählt.

Und natürlich kann man die Sache noch viel grundsätzlicher angehen. Abgesehen davon, dass seine Reportagen frei erfunden waren, handelte es sich bei Relotius‘ Texten, um auf Effekt getrimmte, intellektuell dürftige Stücke, die den Leser nicht überraschen, sondern seine Erwartungen bestätigen sollten. Wie es geschehen konnte, dass dieser Kitsch von so vielen Juroren als preiswürdig erachtet wurde, wird noch zu klären sein.

Fürs erste wäre es aber einfach nur schön, wenn der Mann geehrt würde, der gegen viele Widerstände, das System Relotius zum Einsturz brachte. Beim Deutschen Reporterpreis wurde Juan Moreno zwar gedankt. Eine Auszeichnung erhielt er jedoch nicht. Aber die Journalistenpreis-Saison hat ja auch gerade erst begonnen.

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