Köln. Am Ende schneit es versöhnlich im Kölner „Tatort: Des anderen Last“. Aber vorher zeigt er, wie unweihnachtlich es bei den Paketboten zugeht.

Der junge Paketbote liegt erstochen im Transporter – war das nun das blutige Ende eines Überfalls oder steckt noch mehr dahinter? Eine rhetorische Frage, gewiss, der Kölner „Tatort“ hat sich in seinen bisherigen 88 Fällen in aller Regel nicht mit einer kleinen, einfachen Krimi-Story begnügt, sondern gerne in familiäre Abgründe geblickt, sich mit den Schicksalen der sogenannten kleinen Leute im Viertel befasst, soziale Ungerechtigkeiten angeprangert. Zuweilen durchaus treffsicher, manchmal auch einen Tick zu aufdringlich mit den beiden Ermittlern Ballauf und Schenk, die sich und uns immer so gerne die böse Welt erklären.

Die Chefin kommt im Kölner „Tatort“ als ruppige Ausbeuterin daher

Drehbuchautor Paul Salisbury führt sie diesmal in „Des anderen Last“ (Sonntag, Das Este, 20.15 Uhr) ins Stress-Milieu der Paketdienste, was könnte im Weihnachtsmonat besser passen? Die Speditionschefin Sybille Jägers freilich kommt schon als lebendes Klischee daher: Susanne Bredehöft brummt sich durch den Film als ruppige Ausbeuterin hinterm Schreibtisch, die ihre Mannschaft täglich unter Strom setzt und den Konkurrenzkampf anheizt: Ab ins Weihnachtsmannkostüm und los geht’s am frühen Morgen – wer liefert die meisten Pakete aus?

Weil Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) der Laden nicht koscher vorkommt, schleusen sie ihre Kollegin Nathalie Förster (Tinka Fürst) ein. Die mischt nun bei der täglichen Schinderei mit und horcht das Kollegium nebenbei aus.

Frischer Wind beim Kölner „Tatort“

Das muss man angesichts des zu vermutenden Risikos nicht besonders realistisch finden, es bringt aber immerhin ein bisschen frischen Wind in die Erzählroutinen rund um die beiden Kölner Kommissare, die hier mit ihren Befragungen in den Hintergrund treten. Regisseurin Nina Wolfrum setzt dabei Köln-typisch nicht nur auf die Suche nach dem Täter, sondern leuchtet jenseits des Krimis in einer eher ruhigen Inszenierung das traurige Leben der Botentruppe aus.

Das ist auf den ersten Blick zumindest nicht so fürchterlich originell. Da gibt’s den alten, ehemaligen Briefträger (Hans-Martin Stier), der doch schon längst in Rente sein müsste, aber seiner Tochter (Stephanie Philipps) nach deren Arbeitsunfall und seinem pubertierenden Enkel (Linus Moog) das Leben absichern muss, die gescheiterte Medizinstudentin (Paula Kober), oder den Ausliefer-Rekorde jagenden Fahrer (Nils Hohenhövel), der sich um die Witwe (Zoë Valks) seines getöteten Freundes und Kollegen (Dennis Svensson) auffallend intensiv bemüht.

Paula Kober macht im Kölner „Tatort“ den stärksten Eindruck

Es führt trotz einiger vorhersehbarer Allgemeinplätze über Arbeitsdruck und Kapitalismusauswüchse in weniger erwartbare Bahnen als man befürchten muss. Das liegt auch am überzeugenden Ensemble, das nie zu dick aufträgt und die erwünschte Empathie beim Betrachter auslösen wird – Paula Kober als verschlossene Einzelgängerin hinterlässt den stärksten Eindruck.

Ob die 90 Minuten irgendwen motivieren, mal über den täglichen Pakete-Wahn nachzudenken? Ist vermutlich zu viel verlangt.

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