Interview

30 Jahre „Tatort“ – Ulrike Folkerts hat „immer noch Bock“

Seit 30 Jahren ermittelt die Schauspielerin Ulrike Folkerts im „Tatort“.

Seit 30 Jahren ermittelt die Schauspielerin Ulrike Folkerts im „Tatort“.

Foto: Uwe Anspach / dpa

Berlin.  Seit 30 Jahren spielt Ulrike Folkerts im „Tatort“ die Rolle der Lena Odenthal. Damit soll es so schnell nicht zu Ende sein, verrät sie.

Sie ist Deutschlands dienstälteste „Tatort“-Kommissarin: Seit 30 Jahren ermittelt Ulrike Folkerts als Lena Odenthal in und um Ludwigshafen. Ihren ersten Einsatz in der traditionsreichen ARD-Krimireihe hatte die Kommissarin mit der Lederjacke am 29. Oktober 1989.

Zum Jubiläum zeigt das Erste am kommenden Sonntag, 17. November, den Krimi „Tatort: Die Pfalz von oben“, dessen Story an die Kultfolge „Tod im Häcksler“ aus dem Jahr 1991 anknüpft – die Fortsetzung ist zugleich Lena Odenthals 70. Fall. Wir haben mit ihr über ihre bekannteste Rolle gesprochen.

Frau Folkerts, seit 30 Jahren ermitteln Sie als „Tatort“- Kommissarin Lena Odenthal, und schon seit 2009 hängt eine ihrer typischen Lederjacken im Museum Deutsche Kinemathek. Ist Lena museumsreif?

Ulrike Folkerts: Das finde ich gar nicht. 30 Jahre sind natürlich ein Wahnsinn. Ich hatte zu Beginn ja keine Ahnung, was das für eine große Sache wird, ich habe einfach mal angefangen. Aber mittlerweile bin ich irre stolz, dass ich das schon so lange mache. Und ich habe immer noch richtig Bock auf Lena.

Was mögen Sie an ihr?

Folkerts: Ich mag Lena von Grund auf. Sie ist ein Kumpel, sie ist intuitiv, kritisch, sie ist streitbar. Sie ist sportlich, sie kann schießen, sie ist eigen und auch einsam. Das gefällt mir alles. Trotzdem wäre Ulrike nicht gerne Polizistin. Ich habe großen Respekt vor diesem Job, ich finde ihn sehr hart.

Der Jubiläumsfall knüpft an die legendäre Skandal-Folge „Tod im Häcksler“ an, viele Pfälzer fühlten sich damals als Hinterwäldler verunglimpft. In der Fortsetzung trifft Lena den von Ben Becker gespielten Dorfpolizisten wieder und nimmt sogar mit ihm Drogen…

Folkerts: Ehrlich gesagt hatte ich Sorge, dass die Szene dem Schnitt zum Opfer fallen würde. Aber sie ist drin geblieben, und das freut mich, weil sie Lena Odenthal auch mal außerhalb ihrer Arbeit als Kommissarin zeigt. Es ist großartig, sie mal in einem so privaten Moment zu sehen.

Kommt Lenas Privatleben sonst zu kurz?

Folkerts: Das ist immer so eine Sache. Es gibt eben ganz viele Autoren, die haben Bock auf den Mord, das Milieu die Geschichte drum herum, und benutzen die Kommissare nur als funktionale Figuren. Ich finde es ja auch nicht wichtig, dass man Lena zuhause beim Katze füttern sieht, oder dass sie sich verliebt und mit jemandem Hand in Hand durch Ludwigshafen läuft. Das brauche ich alles nicht. Aber ich brauche eine Figur, die ein Leben hat, das mitschwingt. Wenn man reduziert wird auf Fragen wie: „Wo waren Sie gestern zwischen 20 und 22 Uhr“, ist es sehr schwierig, das zu spielen. Dann weiß ich gar nicht, wo steht denn Lena Odenthal gerade in ihrem Leben? Hat sie ihre Tage, ist sie in der Menopause, ist sie traurig, hat sie noch was vor? Das kann ich mir dann alles aus den Fingern saugen, und das mache ich dann auch.

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Wie lange wollen Sie noch als Lena weitermachen?

Folkerts: Ich werde auf jeden Fall weitermachen. Normalerweise geht eine Polizistin glaube ich mit 67 in den Ruhestand. Dann habe ich also noch neun Jahre, und dann können wir ja noch mal reden (lacht).

Gab es in den 30 Jahren auch schon Momente, in denen Sie keine Lust mehr hatten und aufhören wollten?

Folkerts: So richtig aufhören wollte ich nie. Ich war nur zwischendurch mal traurig, weil es uninteressante Stoffe waren oder austauschbar – das hätte auch ein Kommissar aus sonst wo spielen können. Da war ich frustriert. Es ist wichtig, mit Redaktion und Produzenten im Gespräch zu bleiben: Was macht uns aus, was wollen wir erzählen? Und gemeinsam mit Lisa Bitter als Kommissarin Johanna Stern haben wir als reines Frauenteam auch richtig Lust, Ludwigshafen noch mal wachzurütteln.

Welche anderen „Tatort“-Ermittler sehen Sie gerne?

Folkerts: Eine ganze Reihe. Ich mag Berlin gerne, Wien, Dortmund. Frankfurt finde ich toll, die Fälle von Ulrich Tukur, die Kölner mochte ich lange gerne, und München mit Miro Nemec und Udo Wachtveitl finde ich toll. Die beiden sind ja fast so lange dabei wie ich, das muss ich mir unbedingt immer angucken – wie die beiden alt werden mit der Knarre in der Hand, genauso wie ich. Jetzt gibt es ja auch ganz viele Kommissarinnen, und eine ist cooler als die andere.

Sind Sie stolz darauf, mit der toughen Lena eine Vorkämpferin für starke Frauen im Fernsehen gewesen zu sein?

Folkerts: Ich habe mich, was das angeht, nie bewusst in den Vordergrund gespielt, aber andere Kolleginnen sagen mir, dass ich als Vorbild für sie wichtig war. Ich hatte die Chance dazu, weil ich ja nach Karin Anselm und Nicole Heesters die einzige Kommissarin in dieser Männerlandschaft war, da hinterlässt man natürlich Spuren.

Werden Sie als Schauspielerin manchmal zu sehr mit der Rolle im „Tatort“ identifiziert?

Folkerts: Ich werde sehr mit dem Charakter und dem Image identifiziert, das Lena hat. Aber zuletzt durfte ich einige Male ausbüxen, ich habe mit großer Freude ein Pilcher-Drama und einen Katie-Fforde-Film gedreht. Ich kann Filmteams und Regisseure komplett damit überraschen, dass ich noch was anderes draufhabe. Manche Zuschauer sagen mir: „Der Pilcher hat mir nicht gefallen, ich sehe Sie lieber als Kommissarin“, aber andere sagen: „Es war schön, sie auch mal anders zu sehen.“

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Nach zehn Jahren beim „Tatort“ haben Sie sich 1999 als homosexuell geoutet. Wie kam es zu diesem Entschluss?

Folkerts: Das war durch die Yellow Press an die Oberfläche gekommen, weil ich bei einer Veranstaltung war, die offensichtlich homosexuell besetzt war. Dann war da eben diese Schlagzeile, und ich musste ja irgendwie damit umgehen. Für mich gab es nur die Flucht nach vorne und offen zu sagen: So ist es, und was machen wir jetzt damit?

Und dann?

Folkerts: Die Presse hat sich ja darauf gestürzt als wäre ich ein Mensch mit drei Beinen, wirklich absurd. Aber der SWR hat mir sofort den Rücken gestärkt. Insgesamt ist die Branche leider nicht so tolerant, wie sie immer tut. Sie müssen sich nur mal überlegen, wer sich outet – das tut fast niemand, weil es offensichtlich nicht gut ist. Produzenten besetzen nicht unbedingt Schwule und Lesben in Liebesfilmen. In irgendeiner Daily Soap wurde neulich eine schwule Hochzeit gedreht, und alle waren ganz aus dem Häuschen, dass die sich das trauen. Das sollte längst selbstverständlich sein.

Wäre der „Tatort“ in der Verantwortung, da mehr zu tun?

Folkerts: Das deutsche Fernsehen hat generell noch viel nachzuholen. Wir leben in einer Multikulti-Gesellschaft, es gibt unterschiedlichste Lebensformen, all das spielt im TV kaum eine Rolle. Wenn man sich nur mal anschaut, wie wenige Menschen in Filmen einen Migrationshintergrund haben. Und der „Tatort“ hätte zumindest die Chance, das bunter zu mischen und die Realität zu zeigen.

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• Zur Person: Ulrike Folkerts kam 1961 in Kassel zur Welt und arbeitete nach ihrem Schauspielstudium in Hannover zunächst am Staatstheater in Oldenburg. 1987 gab sie in „Das Mädchen mit den Feuerzeugen“ ihr Filmdebüt, 1989 wurde sie zur dritten „Tatort“-Kommissarin in der Geschichte der Reihe – eine Rolle, mit der sie Maßstäbe setzte.

Zuletzt war die sozial sehr engagierte Schauspielerin, die sich unter anderem gegen Kinderarmut und für die Opferhilfeorganisation „Weißer Ring“ einsetzt, vermehrt in ungewohnten Rollen zu sehen, unter anderem in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung. Ulrike Folkerts wohnt mit ihrer Lebensgefährtin in Berlin.

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