Literatur

Eugen Ruges Roman „Metropol“: Aus Großmutters Kaderakte

Buchpreisträger Eugen Ruge (65)

Buchpreisträger Eugen Ruge (65)

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Essen.  Autor Eugen Ruge (65, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“) erzählt erneut Familienhistorie: seine Großmutter war in Russlands Geheimdienst.

Wie es ist, wenn die Geschichte das eigene Leben einholt, das weiß Eugen Ruge nur zu gut. 1988 floh er aus der DDR – und war 1989 „auf idiotische Weise verärgert“, erzählte er im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich hatte mir so viel Mühe gegeben mit der Flucht. Und die anderen 16 Millionen, die kamen plötzlich alle so hinterher.“

Andererseits: Hätte es die bewusste Abgrenzung, die Flucht, nicht gegeben, hätte der studierte Mathematiker (dies schien ihm ein gegen jede Ideologie immunes Fach) kaum begonnen, seine später preisgekrönte DDR-Familien-Geschichte aufzuschreiben. 2011 erhielt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ den Deutschen Buchpreis, drei Jahre später leistete sich Eugen Ruge endlich ein Zimmer im Moskauer Hotel Metropol. 477 Tage hatte seine Großmutter Charlotte hier gelebt in den Jahren 1936 und 1937: Tief überzeugte Kommunistin, Mitarbeiterin des Geheimdienstes der Kommunistischen Internationalen, aber durch einen unglücklichen Zufall in Ungnade gefallen, wartete sie hier auf den Lauf ihres Schicksals.

„Metropol“ hat Eugen Ruge den Roman über seine Großmutter genannt

„Metropol“ hat Eugen Ruge den Roman über seine Großmutter genannt: „Die wahrscheinlichsten Details sind erfunden“, schreibt er, „die unwahrscheinlichsten sind wahr.“ Minutiös grenzt er im Nachwort Erfindungen von Fakten ab, listet die tatsächlichen Toten, schildert seine Suche nach historischen Orten sowie jenen Moment, in dem er die Kaderakte seiner Großmutter in Händen hielt, 246 Blatt. Eines der Herzstücke des Romans ist der Abdruck eines Briefes, den Charlotte am 26. September an die Leitung der Kom­intern schrieb und „Rechenschaft“ darüber ablegt, wie sie in Kontakt kam zu dem „Verräter“ Alexander Emel, der soeben von einem Moskauer Gericht zum Tod durch Erschießen verurteilt worden war. Ihr Timing schien geschickt, hatte drei Tage zuvor doch die „Praw­da“ geschrieben, die Parteisäuberung sei abgeschlossen. Doch drei Tage später hat der Inlandsgeheimdienst einen neuen Chef und die Säuberungen gehen weiter. So ist das, mit dem Leben und der Geschichte.

„Gibt es auf der Welt eine andere Partei, die so von Fraktionskämpfen und Spaltungsabsichten zerfressen ist?“ Dies denkt sich Hilde, die als Sekretärin der Komintern-Bosse all die Denunziationen weiterleitet und ihrerseits Charlotte anzeigt (deren neuer Mann Wilhelm ist Hildes alter, manchmal ist es ja so einfach).

Die Irrgläubigen sind immer die anderen

Neben Charlotte und Hilde gibt Eugen Ruge in seinem Roman außerdem Wassili Wassiljewitsch eine Stimme, dem Richter, der über Leben und Tod entscheidet, dies aber auf der Grundlage politischer Erwägungen, persönlicher Krisen oder aber: aus purem Zufall. Später war er Oberster Militärrichter der Sowjetunion, 30.000 Todesurteile soll er unterzeichnet haben.

Drei Menschen, die tatsächlich gelebt haben, geliebt und gelitten und geirrt – Eugen Ruge schafft durch ihre Stimmen ein geradezu süffiges Panorama, für dessen Süffigkeit er sich im Nachwort beinahe zu entschuldigen scheint, wenn er das Erzählen definiert als „ausprobieren, ob es tatsächlich so gewesen sein könnte“. Was die drei Menschen verbindet, ist ihre Verblendung, der tiefe Glaube an ein System und die Bereitschaft, diesem Glauben zuliebe die Augen zu verschließen vor allem, was nichts ins Bild passt. Der illegale Schuster, der Charlottes teure Winterschuhe von den Papp-Sohlen befreit und mit echtem Leder versieht – wieso hat er Leder und die offiziellen Schuster angeblich nicht? Wieso erzählt er vom letzten Hungerwinter, in dem sie Hunde gegessen hätten, wo es doch gar keinen Hunger gibt in der Sowjetunion? Hilde ihrerseits ist sicher, dass der Inlandsgeheimdienst, der all die Genossen umbringen lässt, unterwandert sein muss – vom Klassenfeind. Und als Richter Wassiljewitsch 1951 friedlich in seinem Bett entschläft, da ist sein Tun geadelt mit zwei Lenin-Orden.

„Natürlich sind es immer die anderen“, schreibt Eugen Ruge, immer sind die anderen: „die Irrgläubigen.“

Eugen Ruge: Metropol. Rowohlt, 432 Seiten, 24 €

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