Religion

Erzbischof Becker: Die Erneuerung der Kirche braucht Zeit

Hans-Josef Becker, Erzbischof von Paderborn, hier beim Auftakt zur Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz.

Hans-Josef Becker, Erzbischof von Paderborn, hier beim Auftakt zur Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz.

Paderborn.   Oberster Seelsorger des Erzbistums Paderborn äußert sich zum Missbrauchsskandal und verteidigt die Kirche gegen Kritik am Tempo des Wandels.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker (70) hat Verständnis für Kritiker geäußert, denen die Erneuerung der katholischen Kirche nicht schnell genug geht. „Mir ist bewusst, dass es große Themen gibt, bei denen viele sich schnellere Fortschritte wünschen: die Rolle der Frau, der Zölibat oder der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen zum Beispiel“, sagte Becker in einem Interview, das das Erzbistum ausgewählten Medien zur Verfügung stellte.

Wandel mit Sorgfalt

„Ich spüre die Erwartung vieler, dass der innerkirchliche Wandlungsprozess noch schneller und ­öffentlicher vorangehen soll. Doch dieser Wandel muss mit großer Sorgfalt und auch theologisch fundiert geleitet und begleitet werden. Das braucht Konsens – und damit Zeit. Und nicht zuletzt ist so ein ­Vorgang immer auch ein geistlicher Prozess“, betonte Becker. „Wir ­sprechen von nichts weniger als von unserem Glauben, von seinen Wurzeln und oft auch über Traditionen, die über Jahrhunderte gewachsen sind.“

Becker hatte Anfang des Jahres einen Brief an alle Katholiken im Erzbistum Paderborn geschrieben. Seitdem seien mehr als 600 Briefe, Mails und Anrufe mit Reaktionen bei ihm eingegangen. Eines der zentralen Themen sei dabei der sexuelle Missbrauch in der Kirche gewesen. „Mir ist bewusst, dass es auf viele Menschen so wirkt, als würde es in der Aufklärung viel zu langsam vorwärts gehen“, sagte Becker nun. „Und doch ist bereits viel auf den Weg gebracht worden. Vor allem in der Prävention – also in der Vorbeugung und Verhütung von Missbrauch – ist das Erzbistum Paderborn ganz konkrete Schritte gegangen und leistet seit vielen Jahren überzeugende Arbeit. Zudem wurde der Bereich Intervention als Anlaufstelle für bislang nicht bekannte Verdachtsfälle geschaffen.“

Betroffenen zur Seite stehen

Auch weil das Erzbistum sein Beratungsangebot ausgebaut habe, geht Becker davon aus, „dass uns voraussichtlich auch in den nächsten Monaten und Jahren noch Beschuldigungen bekannt werden“. Der Seelsorger ermutigte Betroffene, sich bei der Kirche zu melden, „denn nur so können wir mit ihnen ins Gespräch kommen und ihnen zur Seite stehen“.

Gleichzeitig sei das schrittweise Bekanntwerden von Missbrauchsfällen verhängnisvoll, auch weil jeder neu bekannt werdende Fall die Gläubigen immer wieder aufs Neue verunsichere. Jeder Fall rücke gefühlt als tagesaktuelles Geschehen in das Bewusstsein, selbst wenn er vielleicht ein halbes Jahrhundert zurückliege.

„Thema Missbrauch weltweit auf der Agenda“

Becker wies Kritik zurück, er habe zum Thema Missbrauch nicht deutlich genug Stellung bezogen, zum Beispiel nicht nach der entsprechenden Konferenz im Vatikan. „Auf Gläubige in Deutschland, wo wir in Sachen Aufklärung zumindest seit 2010 schon auf einem guten Weg sind, mag die Konferenz enttäuschend wirken. Aber das Thema Missbrauch ist jetzt weltweit auf der Agenda – und damit auch in Ländern, die vielleicht bisher noch nicht so weit waren und wo zudem oft ganz andere gesellschaftliche Hintergründe herrschen.“

Er sei Sauerländer, sagte Becker, und verkörpere als solcher Bodenständigkeit. Dazu gehöre es auch, „dass man nicht immer direkt den Mund aufmacht, sondern auch einmal einen Schritt zurück tritt, um auf etwas zu schauen und es dann zu bewerten – auch öffentlich.“ Er nehme sich auch das Recht heraus, sich nicht treiben zu lassen.

„Wir wollen Zeichen sein“

Becker räumte ein, dass der Vertrauensverlust, den die katholische Kirche derzeit erlebe, dramatisch sei und „uns nicht einfach kalt lassen“ könne. „Ich bin aber auch davon überzeugt, dass die Verantwortlichen in der katholischen Kirche die Zeichen der Zeit zunehmend wahrgenommen haben und ehrlich bemüht sind, entsprechend zu handeln. Meine größte Hoffnung ist dabei, dass es in der Kirche trotz aller Unkenrufe noch immer viele Menschen guten Willens gibt, die sich engagieren, die dem Glauben ihr Gesicht geben und damit zeigen: Es lohnt sich, in der Gemeinschaft der Kirche zu glauben. Wir wollen Zeichen sein für die Liebe Gottes zu den Menschen.“ (rd)

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