Neu im Kino

„Ema“ ist Feuer und Flamme für die Veränderung

Verzweifelt: Ema (Mariana Di Girolamo) und Gastón (Gael García Bernal) in „Ema“.

Verzweifelt: Ema (Mariana Di Girolamo) und Gastón (Gael García Bernal) in „Ema“.

Foto: KochFilms

Essen.  Wenn man in Pablo Larraíns Kinofilm „Ema“ den Flammenwerfer erkennt, wird’s brenzelig. Die Zeichen stehen auf Veränderung von Film und Gesellschaft.

Es beginnt mit einem Feuer, genauer: dem Geräusch eines Feuers. Während die Leinwand noch schwarz ist, erklingt das ganz besondere Knistern von Flammen, die hochschlagen. Es ist ein furchteinflößender, aber auch elektrisierender Klang, in den sich nach und nach andere Geräusche mischen. Erst dann erhellt das Bild einer brennenden, über nächtlichen Straße hängenden Ampel den Kinosaal. Eine Kamerabewegung zurück schafft eine Verbindung zu einer jungen Frau mit platinblonden, streng zurückgekämmten Haaren, die ganz in den Anblick der brennenden Ampel versunken ist. Zunächst sieht es aus, als wollte sie das Feuer löschen. Doch dann erkennt man in dem Behälter auf ihrem Rücken einen Flammenwerfer.

Pablo Larraín, Regisseur von „El Club“ und „Jackie“

Dieser erste, zutiefst rätselhafte Moment prägt „Ema“ von Pablo Larraín, der vor fünf Jahren mit „El Club“ und später mit „Jackie“ über die Ermordung John F. Kennedys aus sicht seiner Frau Furore machte, auch schon mit bis in sein Innerstes. Das Knistern des Feuers und das wunderschöne Bild der sich vor einem klaren Nachthimmel abzeichnenden Flammen setzen einen von Anfang an in Brand. Und so, wie eine Flamme mal nach rechts, mal nach links neigt, wie sie abzusterben scheint und dann doch wieder auflodert, ist auch dieser Film, in dessen Zentrum Ema steht, die Frau mit dem Flammenwerfer. Zusammen mit ihrem Mann, dem Choreographen Gastón (Gael García Bernal), hatte die von Mariana Di Girolamo unglaublich intensiv verkörperte Tänzerin einen Jungen adoptiert. Doch nach einem dramatischen Zwischenfall haben die beiden sich entschieden, das Kind wieder dem Jugendamt zu übergeben. Ein Schritt, den nun beide mehr als nur bereuen.

Keine Zeit, keine Logik, Ema ist ganz Schmerz

Pablo Larraín erzählt dieses Drama einer Frau, die sich nach und nach aus den Konventionen der (chilenischen) Gesellschaft befreit, nicht einfach nur. Er setzt es viel mehr in Flammen. Kleine Szenen folgen im treibenden Rhythmus der Reggaeton-Musik aufeinander, zu der Ema und ihre Freundinnen tanzen. Jegliche Chronologie löst sich im ersten Drittel des Films auf, ebenso wie alle kausalen Zusammenhänge von Ursache und Wirkung. Ema ist ganz Schmerz und Leidenschaft. In ihrem Zustand gibt es kein Vorher und kein Nachher. Alles verschmilzt in einem wilden Feuer, das einem Angst macht und doch unendlich fasziniert. Einmal erzählt eine der Tänzerinnen, dass die Menschen früher ihre Felder abgebrannt haben, um dann wieder neu auszusäen. Also verbrennt Larraín mit seinen Bildern all unsere Gewissheiten, um den Boden für ein anderes Leben und eine andere Gesellschaft zu bereiten.

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