Theater

Elfriede Jelinek und die schillernde Mode-Welt

„Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“ in der Inszenierung von Jan Philipp Gloger.

„Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“ in der Inszenierung von Jan Philipp Gloger.

Foto: Sebastian Hoppe

Düsseldorf.   Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek widmet sich der Mode. In Düsseldorf kam ihr neues Stück zur Uraufführung.

Es gab Zeiten, da galt auch eine Elfriede Jelinek als Fashion-Victim. Von ihrem ersten Honorar soll sie sich ein Kleid von Yves Saint Laurent gekauft haben, stets war sie schick gewandet, auffällig geschminkt, vor allem japanische Designer hatten es ihr angetan. „Von wenig Dingen verstehe ich so viel wie von Kleidern“, notierte sie im Jahr 2000 für die Süddeutsche Zeitung. Inzwischen hat sich die Nobelpreisträgerin völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, und ihr neues Stück „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“, eine Anspielung auf eine Bikini-Werbung mit Giselle Bündchen, rechnet gnadenlos mit der Oberflächlichkeit und Verlogenheit der Modewelt ab. Im Central des Düsseldorfer Schauspielhauses gab es jetzt die Uraufführung zu sehen – einen beeindruckenden, vielstimmigen Abgesang auf den schillernden Schickimicki-Zirkus.

Es wundert nicht, dass die heute 70-jährige Schriftstellerin der Hochglanzstadt Düsseldorf den Zuschlag für die Uraufführung gab. Wo könnte der Theaterabend besser aufgehoben sein als nahe den Luxusboutiquen der Kö? Regie führt Jan Philipp Gloger, 1981 geborener Opern- und Schauspielregisseur. Ebenfalls eine gute Wahl. Er hat Jelineks Textpamphlet, ei­nen typisch atemlosen, 91-seitigen Monolog, in eine lockere Szenenfolge gepackt, die ebenso auf der kargen Vorderbühne spielt wie in einem schicken Luxus-Apartment mit Wäldchen vor der Tür.

Am Anfang blicken wir ins Dunkel. Sechs Frauen (Manuela Alphons, Tabea Bettin, Judith Bohle, Claudia Hübbecker, Karin Pfammatter, Lou Strenger) tappen durchs Dickicht aus Tannen und Laub, nur ihre Taschenlampen sieht man glühen. „Ich habe gehört, da ist jetzt so eine Satzung im Gesetz, dass man Orgien feiern muss“, sagt eine Stimme. Genuss als streng diktierter Lebenszweck. Und das ist nur der Anfang: „Niemand muss mehr sterben, weil wir alle leben dürfen“, führt eine andere aus. „Weil wir es wollen, wie wir da sitzen, auf dem Schoß der Zeit, die uns jeden Moment runterschmeißen kann, weil sie selber aufstehen will und sich die Beine vertreten...“

Schon steckt man mitten im Jelinek’schen Wortgestöber und hängt fest in scheinbar endlosen Satzketten, in denen die Lautdenkerin vom Hölzchen aufs Stöckchen aufs Leben und den Tod kommt. In diesem Fall von der Mode-Industrie auf ihre Opfer – die entweder den Wert eines Kleinwagens in Escada-, Gucci- und Prada-Tüten wie Schutzschilder vor sich hertragen oder aber in Billignähereien der Dritten Welt für Hungerlöhne schuften. Die Regie hat das gigantische Textgebäude begehbar gemacht. Die schwere Kost kommt in schmackhaften Häppchen daher. Mitunter fühlt man sich wie in einer kabarettistischen Nummernshow.

Mal sitzen die Damen in Designermöbeln und blättern in Katalogen. Mal verlieren sie sich zwischen online-bestellten Klamottenbergen, die alle irgendwie nicht passen („Die Kapuze ist so groß, die fällt ja von oben über mich her“). Mal philosophieren sie als Sechslinge über ein und denselben super-individuellen Rock, mal als Heidegger und Kant verkleidet über den Tod als Seinsmöglichkeit. Dann wieder kommen sie als Bär, Fuchs und Hase daher, die mit der Schießscheibe auf der Brust über Frauen in Wurst-Hosen lästern und das Recht des freien Einkaufs durch drastische Maßnahmen beschneiden wollen. Etwa durch Blazer, die mit Knöpfen fletschen.

Aber Achtung, hinter all dem Klamauk lauert Traurigkeit. Terror, Banken- oder Flüchtlingskrise – Jelinek hat sich stets an literarischen Stellungnahmen versucht, diesmal jedoch scheint ihr Blick mehr ins Innere gerichtet, auf die eigene Seele. Es ist die Vergänglichkeit, die sie umtreibt, vielleicht der Gedanke an das eigene Ende – auf den Zustand des Nichtseins, würde sie wohl sagen – der ja nur vorübergehend verhüllt und verleumdet wird durch gut geschnittene Roben.

„Ich habe mich so bemüht!“, klagt eine der Frauen am Schluss. Das schicke Apartment ist verbrannt, zerstört vom Mob mit Stangen und Steinen. Inzwischen tragen alle Schwarz, die reinste Friedhofsgesellschaft. Hektisch werden letzte Formalitäten diskutiert, die einmal noch die ganze Verrücktheit der Welt zum Vorschein bringen. Denn merke: Auch im Grab sollte man tiptop gekleidet sein – am besten farblich passend zum Sarg.

Termine und Infos

„Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“ ist auf der Großen Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses im Central, der Spielstätte am Hauptbahnhof, zu sehen.

Termine: 17. und 25. Januar, 19.30 Uhr, 5. Februar, 18 Uhr, 16. und 22. Februar, 19.30 Uhr. Zwei Stunden, keine Pause.

Tickets: 0211/36 99 11, www.dhaus.de

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