Literatur

Ein Schalke-Fan in Dortmund

Wer wie Norbert Horst in zahlreichen Mordkommisionen ermittelt hat, schreibt Krimis nicht in Jägerlatein.

Wer wie Norbert Horst in zahlreichen Mordkommisionen ermittelt hat, schreibt Krimis nicht in Jägerlatein.

Dortmund.   „Kaltes Land“: Norbert Horst macht in seinen Büchern aus eigener Polizeiarbeit betörende Krimi-Literatur.

Nicht dass Sie denken, wir loben diesen Krimi von Norbert Horst nur aus Lokalpatriotismus! Sicher, er spielt im Ruhrgebiet. Aber nichts kann weiter entfernt sein vom drolligen „Regiokrimi“. Hier geht es um die weniger einladenden Ecken im Revier (um es milde zu sagen): Dortmund Nordstadt, No-go-Area, Abbruchhäuser, Parallelgesellschaft, Straßenkriminalität, organisiertes Verbrechen – und ein paar unermüdliche Sozialarbeiterinnen.

Aber der Kriminalhauptkommissar Horst, seit 27 Jahren im Dienst, ist ein Autor, der dahin geht, wo es wehtut. Und er hat eine ganz ungewöhnliche sprachliche Stärke. Seine Erzählung ist nüchtern und sachlich – ganz ohne Sperenzkes! – und entwickelt doch von Kapitel zu Kapitel einen unwiderstehlichen Sog: Aus „Polizeiarbeit macht er Literatur“, wie der Kritiker Tobias Gohlis schreibt.

Dies ist nun, nach einer „ostwestfälischen“ Serie, sein dritter Ruhrgebiets-Roman mit Hauptkommissar Adam, den alle nur den „Steiger“ nennen. Warum? Eine Stütze des Betriebs, Verantwortungsträger ohne jeden Ehrgeiz, in der Bürokratie aufzusteigen; ein Schalke-Fan in Dortmund, aber auch sonst belastbar! Und erstaunlich sensibel, wenn es darauf ankommt.

Nun aber zum Dienstlichen: Ein junger Mann mit falschem bulgarischen Pass muss in die Abschiebung. Monate später wird man seine Restleiche ohne alle verkäuflichen Organe auf einer rumänischen Müllhalde finden. Zurück am Borsigplatz, finden der Steiger und seine junge Kollegin Jana eine zweite Leiche, jung, männlich, ausgeweidet. Bis zu hundertzwanzig Rauschgiftpäckchen, so erfahren wir, transportiert so ein Messenger über die Grenzen. Und wenn einer ausfällt wie hier, steht der Nachfolger schon bereit.

Eben dies bietet dem Steiger und seinen Leuten nun den Ansatz, um mühsam, Schritt für Schritt, oft von den Dienstvorschriften gebremst, das ganze kriminelle Geflecht aufzudecken und am Ende – ein bisschen Thriller muss sein – auszuheben.

Und schließlich erreichen auch die beiden afghanischen Kinder – deren mühseligen Weg über viele Grenzen wir zwischendurch verfolgen, die Stadt, die man ihnen so dringlich empfohlen hat. Dass Steiger und seine Helfer – auch ihrerseits über Grenzen hinweg – in letzter Minute verhindern können, dass sie die nächsten Opfer werden, gibt dem Ganzen zum Schluss noch eine versöhnliche Note.

„Extrem nüchterne Schale“

Und seien wir mal ehrlich: Kann ein Schalker großmütiger sein, als dem kleinen Elendskerl aus Afghanistan das heiß ersehnte Bayern-Trikot zu spendieren? Wie schrieb der Kollege Krekeler über den vorigen Steiger-Krimi? „Eine extrem nüchterne Schale hat dieser Roman und ein extrem weiches Herz. Ein ziemlich wunderbares Buch.“ Besser kann man es auch diesmal nicht sagen.

Norbert Horst: Kaltes Land. Goldmann, 400 Seiten, 9,99 Euro

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