Theater

Düsseldorfs Schauspielhaus eröffnet mit „Orestie“ die Saison

Die Orestie: Szene mit Jonas Friedrich Leonhardi (Orest, l.) und Thomas Wittmann als Schatten von Orests Vater Agamemnon.

Foto: Thomas Rabsch

Die Orestie: Szene mit Jonas Friedrich Leonhardi (Orest, l.) und Thomas Wittmann als Schatten von Orests Vater Agamemnon. Foto: Thomas Rabsch

Düsseldorf.   Als das Vergeben noch Zukunft hatte: Simon Solberg dosiert bei Aischylos’ „Orestie“ das Blutbad und setzt stattdessen auf innere Spannung.

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Am Anfang dessen, was wir heute Theater nennen, liegt nicht nur das Kämpfen in einer Welt der Gottheiten – stärker noch ein Dasein, das den Menschen ohne Götter fordert. Die „Orestie“ des Aischylos führt seine schuldbeladenen Helden vom bluttriefenden Fluch, den man Familie nennt, in eine neue Dimension der Verantwortung. Sie bedeutet bestenfalls, Rache durch Recht zu ersetzen, Genugtuung durch Gerechtigkeit.

2017 hören wir von diesem Wertewechsel mit der gebotenen Skepsis, weil uns damit (wie so oft, siehe Paradies) ein Geschenk gemacht worden ist, dass wir seither ziemlich schlecht behandelt haben.

Fernseher im Atridenpalast

Da scheint die Krise der Demokratie noch der kleinere Schaden. Das Schänden und Töten unter den Völkern bis heute, die Lust an Folter und Unterdrückung: Vielleicht sind es exakt diese Nachrichten, die dem alten Wächter auf dem Dach des Atridenpalastes zuflimmern. Die Glotze (eins von wenigen Mätzchen dieser überzeitlichen Deutung) spült dem zappenden Treuen die Welt ins Haus. Auch die erlösende Nachricht: Troja ist besiegt. Agamemnon kehrt heim.

Wie wir wissen, liegt wenig Willkomm’ auf dieser Rückkehr. Agamemnons Frau Klytaimnestra hat längst einen Anderen. Sie wird ihren Mann und seine Beute, die unverstandene Seherin Kassandra, meucheln. Aber das Rad der Rache überrollt auch die Täter: Sohn Orest erledigt die Ahnen – und wird der erste Muttermörder der Zivilisation sein, den die Götter (nach einer Abstimmung!) verschonen.

Ein fast zarter Theaterabend

Düsseldorfs Schauspielhaus eröffnet mit der „Orestie“ die Spielzeit. Es ist ein angesichts der familiären Meuchelei fast zarter Theaterabend. Simon Solbergs Deutung, heftig eingestrichen, umspült die demokratische Wiege Athen sehr dosiert mit dem Blut des Machterhalts. Fast prosaisch lässt Solbergs Regie die Einzelschicksale passieren. Wie eine blasse Bürogestalt kommt Agamemnon (Thomas Wittmann zeigt ihn mit fabelhaft konzentrierter Sendung) heim. Ganz ungespenstisch, zutiefst menschlich orakelnd spricht Kassandra, der Claudia Hübbecker magisch bannende Präsenz schenkt. Klytaimnestra (Minna Wündrich) ist eine bemitleidenswerte Salonschlange – ihre Sicherheit: spürbar erspielte Maskerade.

So begegnen wir in Peter Steins bewährter Übertragung, deren Stärke neben der sprachlichen Schlankheit die Ironiefähigkeit ist, selten einem antiken Bestiarium. Es ist auf fast beiläufige Weise nachvollziehbar, wie sich die Figuren jener Personen entledigen, die ihnen die Luft zum Atmen nehmen. Und mit ihnen – obschon die starke Kürzung die Nachvollziehbarkeit erschwert – trifft uns Zuschauer die Überraschung, dass ausgerechnet in dieser Welt das Vergeben eine Zukunft hat.

Von eher stumpfer Güte

Sicher gibt es Verzichtbares. Dass Solberg die allzu engagierten Folkwang-Eleven als antiken Chor (mal Klagemauer, mal Zombie, übrigens großartig präzis artikulierend) nicht besser vor der Gefahr des Over-Acting schützt, gefährdet den klug reduzierten Abend. Auch die abgeschossenen Gegenwartspfeile (Orest als Gotteskrieger) sind von eher stumpfer Güte.

Solbergs Raumlösung aber (gemeinsam mit dem Bühnenbildner Ansgar Prüwer-Lemieux) gibt der Tragödie guten Grund. Wie der Tempel aufsteigender Ebenen, den anfangs eine projizierte Silhouette des heutigen Deutschland umreißt, sich von der Festung löst, wie die Hierarchie durch die Drehbühne erst skelettiert wird und später mehr und mehr der Ebene – also der nichtgöttlichen Gemeinschaft – übergeben, ist eine starke visuelle Übertragung des Verhandelten.

Selten gewordenes Schauspielertheater

Düsseldorfs „Orestie“: Kein sensationeller Wurf, zumal ein aufdringliches Verantwortungs-„Du“ gen Publikum den Schluss verkitscht. Aber es ist zugleich ein Abend von innerer Kraft, selten gewordenes Schauspielertheater dazu. Und: zwei Stunden, die nie vergessen, wovon hier eigentlich erzählt wird. Wenig ist das nicht.

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