Du oder ich, Romeo oder Julia

.   Merkwürdige Geschichten beginnen oft mit einer seltsamen Begebenheit. Bei Gerhard Falkner ist es ein Büschel schwarzer Haare. Sein neuer Roman „Romeo oder Julia“ nimmt seinen eigenartigen Anfang in einem Hotelzimmer in Innsbruck. Nach einem Einbruch ist nichts verschwunden, Geldbeutel und Laptop liegen noch an ihrem Platz. Doch hat anscheinend jemand ein ausgiebiges Bad genommen. Lange Frauenhaare haben sich am Wannenrand verfangen. Sexuelle Anspielung? Ja, klar. Doch stellt sich bei Kurt Prinzhorn auch Panik ein.

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Merkwürdige Geschichten beginnen oft mit einer seltsamen Begebenheit. Bei Gerhard Falkner ist es ein Büschel schwarzer Haare. Sein neuer Roman „Romeo oder Julia“ nimmt seinen eigenartigen Anfang in einem Hotelzimmer in Innsbruck. Nach einem Einbruch ist nichts verschwunden, Geldbeutel und Laptop liegen noch an ihrem Platz. Doch hat anscheinend jemand ein ausgiebiges Bad genommen. Lange Frauenhaare haben sich am Wannenrand verfangen. Sexuelle Anspielung? Ja, klar. Doch stellt sich bei Kurt Prinzhorn auch Panik ein.

Der Ich-Erzähler ist irritiert. „Wenn nichts weggekommen ist, dann hast du ja nur ein Geschenk zu beklagen“, sagt ein Freund zu ihm. Haare seien doch meist ein Zeichen der Zuneigung. Aber ganz so einfach ist es nicht. Zumal Kurt später feststellt, dass doch etwas fehlt: seine Schlüssel. Über allem schwebt das Mysterium – und Nancy Sinatra singt: „(...)bang bang, that awful sound, bang bang, I hit the ground,(...)“. Eine Vorahnung.

Der Schriftsteller Kurt kommt als Alter Ego Falkners daher. Der Autor und Lyriker wurde für seinen Berlin-Roman „Apollokalypse“ hoch gelobt, nun hat der 66-Jährige den Nachfolger vorgelegt. Ein Teil des Manuskripts sei ihm, so heißt es in der Nachbemerkung, tatsächlich bei einem Einbruch ins Hotelzimmer abhanden gekommen. Falkner macht aus der Not eine Tugend und strickt die Begebenheit in „Romeo oder Julia“ einfach weiter.

Wunderbar berichtet er etwa von den Tagen, die Kurt ins Moskauer Massenhotel Rossija führen, gleich neben dem Kreml. Mit seinen Schriftstellerkollegen des PEN-Club kippt er Nacht für Nacht Wodka an der Hotelbar, sie werfen Gläser von den Tischen, während die Bardame mit Nachschenken die Stimmung immer weiter anheizt. Zelebriert wird der Hedonismus. Solange, bis Kurt in seinem Zimmer einen Zettel mit einer Todesdrohung findet. Spätestens jetzt ist ihm klar: Er wird nicht nur gestalkt, es geht um sein Leben.

Natürlich ist „Romeo oder Julia“ eine Liebesgeschichte, wie könnte es bei solch einem Titel anders sein. Doch findet die Liebe nicht – wie bei Shakespeare – im gemeinsamen Tod der beiden Helden ihre Vollendung. Bei Falkner läuft es zwangsläufig auf den High Noon hinaus: du oder ich, Romeo oder Julia.

Das Geheimnis des Ganzen liegt in Kurts Vergangenheit, denn der Ich-Erzähler lässt in Sachen Frauen in der Regel nichts anbrennen: Einmal flüstert er einer im Vorbeigehen ins Ohr: „Ich finde dich wunderbar.“ Später, mittlerweile in Madrid, soll er seine Flamme „doch endlich mal begrüßen“, während ihre Augen brombeerrot glänzen, „und Sekunden später ratterte der Schreibtisch“. Unentwegt knistert es im Roman. Das wird dem Schwerenöter zum Verhängnis.

Die Handlung wird immer panischer und dichter. Symbolhaft kehren Gewitter, Farben, Tiere oder Glocken wieder. Sprachlich schreckt Falkner nicht vor Pathos zurück, etwa wenn er über einen Morgen schreibt: „Zu dieser Prächtigkeit des Geläuts gesellte sich die wie ein päpstlicher Kardinal ins Zimmer hereinrauschende Sonne. Reinster vatikanischer Purpur.“

Konstruiertes und saftloses Ende

Zuweilen kippen diese Spielereien auch in belanglose Scharmützel: „Es gab kaum Leute auf der Straße. Straßen auf den Leuten gab es erst recht nicht.“ Was immer Falkner damit sagen will. Oder: „Ich ergriff ihre Hand und fühlte mich ergriffen.“ Nun ja.

Auch ist es schade, dass der Roman gegen Ende doch etwas uninspiriert wegplätschert. Das seltsame Mysterium findet ein allzu konstruiertes und saftloses Ende. Aber darauf kommt es gar nicht an. Möglicherweise ist es auch nur konsequent: Wenn es nicht beide zusammen, sondern nur Romeo oder Julia geben kann, sind Liebe wie Lust eben manchmal nur eindimensional.

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