Tote Hosen

Dortmund feiert lautselig Weihnachten mit den „Toten Hosen“

Campino, Frontmann der Toten Hosen, am Montag, 25.12.2017, beim Weihnachtskonzert der „Toten Hosen“ in der Westfalenhalle Dortmund.

Foto: Kai Kitschenberg/FunkeFotoServices

Campino, Frontmann der Toten Hosen, am Montag, 25.12.2017, beim Weihnachtskonzert der „Toten Hosen“ in der Westfalenhalle Dortmund. Foto: Kai Kitschenberg/FunkeFotoServices

Dortmund.   2 x 12000, Dortmunds Westfalenhalle sorgt dafür, dass Weihnachten mit den „Toten Hosen“ ein Ritual für belastbare Ohren bleibt – und ein Familien-Event wird.

Donnergrollen, Glockengeläut – und dann geht’s schon los mit dem „Urknall“. Die Toten Hosen starten in den Abend wie in ihr aktuelles Album. Geradeheraus, ehrlich und wild. Sänger Campino spurtet über die Bühne in der ausverkauften Westfalenhalle, rechtes Eck, linkes Eck. „Merry Christmas! Wir wünschen Euch eine lange, laute, besinnliche Nacht“, brüllt er ins Mikrofon.

Die Weihnachtkonzerte der Hosen sind seit vielen Jahren Tradition. Die Fans setzen sich ihre rot-weißen Nikolauszipfelmützen auf und fahren los – egal, wohin. Jetzt war Dortmund an der Reihe. Zwei Abende in Folge, die Tickets waren ratzfatz weg. Den Jahresabschluss ihrer „Laune der Natour“-Tour werden die Düsseldorfer dann kurz vor Silvester bei zwei Shows in der Landeshauptstadt aus ihren Gitarren schrubben. Auch für dieses Heimspiel gibt’s keine Karten mehr. Logisch, irgendwie. Schließlich ist diese Band, die vor 35 Jahren antrat, mit wildem Punkrock das Establishment aufzumischen, längst selbst in der Mitte der Gesellschaft angekommen – entsprechend groß ist ihre Fanbase. „Wir sind nicht mehr nur die Band für die Jugend, die sich mit ihrem Musikgeschmack gegen die Eltern auflehnen möchte“, sagt auch Frontmann Campino.

Dortmunds Westfalenhalle wird zum Ort der Punkt-Bescherung. Die „Toten Hosen“ feiern!

Was der Sänger damit meint? Das: Herren, die ihre speckigen Lederjacken aus dem Kleiderschrank gekramt haben, Kinder mit Fan-Shirt und Bauarbeiter-Hörschutz auf den Schultern ihrer Papas. Muttis, die den Auftritt nonstop mit dem Smartphone filmen. Er meint aber auch kreischende Mädels, und Jungs, die sich beim Pogo durch die Halle schubsen. Die Hosen-Weihnachtskonzerte sind längst zu familientauglichen Events geworden. Vorbei die Zeiten, in denen schon an Heiligabend der Haussegen schiefhing, weil der rebellierende Nachwuchs mit tannenbaumgrün gefärbten Haaren darauf gierte, am Folgetag endlich mit reichlich Dosenbier und Dezibel dem spießbürgerlichen Idyll aus Bratenduft und Blockflötenklang zu entkommen. Ist das schlimm? Nein!

Zweieinhalb Stunden lang geben die Hosen in Dortmund Vollgas. Fast 40 Songs ballern sie aus den Boxen – und das mit einer ungeheuren Energie. Wer mit der Band zusammen älter geworden ist, staunt angesichts des eigenen körperlichen Verfalls, welch unglaubliche Power noch immer in den mittlerweile mehr als 50 Jahre alten Knochen dieser Männer steckt – selbst Stagediving ist für sie noch drin. Vielleicht ist es ja der Geist der Weihnacht, der sie beseelt?

Von wegen 50 plus - was Campino und Co mit fast 40 Songs an Power geben, das ist Energie pur

Denn ein Weihnachtskonzert wäre kein solches, wenn es nicht auch musikalisch entsprechend zur Sache ginge. Mit dem 1998er-Album „Wir warten aufs Christkind“ hatten die Toten Hosen (in diesem Fall unter ihrem Alias „Die Roten Rosen“) der Republik eine Platte geschenkt „zum Abfeiern, wenn Du die Schnauze voll hast von diesem besinnlichen Weihnachten“, wie es Campino einst im „Musikexpress“ formulierte.

Heute brüllt er „Schlaaaaf in hiiiiimmlischer Ruh“ ins Mikrofon, schlägt dazu die Triangel und beruhigt Weihnachtsverweigerer im Song „Frohes Fest“ mit der Zeile „Keine Angst – es wird vorübergehen“. Beim britischen Jahresend-Klassiker „Auld Lang Syne“ steht plötzlich eine Dudelsack-Kombo auf der Bühne. Und als weitere Verstärkung haben die Düsseldorfer ein Streichquartett mitgebracht. Da ertönt dann Mozarts „Kleine Nachtmusik“ – um anschließend fast nahtlos in AC/DCs Klassiker „Highway to Hell“ überzugehen.

Auch Düsseldorf steht im alten Jahr auf der Tour-Liste, auch dort sind die Hosen längst ausverkauft

Vielseitig ist die Band, die wieder einmal ihre Livequalitäten unter Beweis stellt. Auf der Setlist stehen in der Westfalenhalle (natürlich) neue Songs von der im Mai erschienenen „Laune der Natur“-Platte, wobei sicherlich der Charts-Erfolg „Wannsee“ am stärksten abgefeiert wird. Aber auch Hits für die Ewigkeit wie „Wünsch Dir was“, „Hier kommt Alex“ oder „Alles aus Liebe“ sind im Repertoire, genau wie Spaß-Hymnen á la „Eisgekühlter Bommerlunder“. Beim zum Megahit avancierten „Tage wie diese“ schießen Konfettikanonen rot-weiße Papierschnipsel in die Halle. Man sieht: Auch Punkrocker wissen, wie Entertainment funktioniert – da kann die zeitgleich im Fernsehen übertragene „Helene Fischer Show“ einpacken.

Schließlich, die Band kämpft sich schon durch die dritte Zugabenrunde, fordert das Publikum einen Song, der einst in den Achtzigern auf dem mittlerweile legendären „Damenwahl“-Album erschien: „Komm mit uns - Verschwende Deine Zeit“, heißt es im Liedtext. 12 000 Menschen in der Halle grölen leidenschaftlich mit.

Und, das passt: Denn besser als mit Campino, Kuddel, Andi, Breiti und Vom Ritchie kann man seine Zeit nicht verschwenden an so einem Weihnachtsabend. Eine Erkenntnis, die bei Publikum und Band offenbar auf Gegenseitigkeit beruht. Denn zum Abschied dankt Campino mit den Worten: „Ihr habt heute Abend ein paar alte Männer sehr glücklich gemacht“.

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