Schul-Serie

Die schwierige Wahl der zweiten Fremdsprache

Französisch, Latein, Spanisch: Welche Sprache passt zu meinem Kind?

Französisch, Latein, Spanisch: Welche Sprache passt zu meinem Kind?

Foto: Marc Büttner

Essen.   Welche Sprache für mein Kind? Latein, Französisch oder auch Spanisch stehen zur Wahl: eine Entscheidungshilfe.

Englisch kann heute jedes Kind. Aber was kommt dann? An einem Abend, der diese Frage klären soll, ist die Aula des Werdener Gymnasiums in Essen so übervoll wie still, abgesehen vom Gekicher der Fünftklässler und dem gezischten „Pst“ der Eltern. Die gespannte Aufmerksamkeit könnte verblüffen, schließlich geht es nur um die Wahl eines Faches unter vielen. Die zweite Fremdsprache aber sehen noch immer viele Eltern als Weichensteller, der womöglich über Wohl und Wehe aller weiteren Werdegänge entscheiden könnte.

Aber nach welchen Kriterien sollten Latein, Französisch oder auch Spanisch gewählt werden? „Es sollte auf keinen Fall darum gehen, welche Sprache die Eltern beherrschen, was die Geschwister lernen“, sagt Claire Badiou, gebürtige Französin und in Werden Lehrerin sowohl für Französisch als auch Latein. „Es geht darum, was man gerne macht – tagtäglich.“

An erster Stelle, das betonen alle Pädagogen in den Gesprächen mit dieser Zeitung, sollte die Lust des Kindes stehen, sich mit einer Sprache auseinanderzusetzen – abhängig vom Lerntyp und den Eigenheiten der Sprache. An zweiter Stelle könnten Eltern in Betracht ziehen, was in Studium und Arbeitsleben gefragt ist (siehe Text unten).

Satz-Puzzler oder Plaudertasche?

Ein Vorurteil räumt Lateinlehrer Niklas Bonnekessel gleich aus: Latein ist keinesfalls tot, sondern die Grundlage der meisten europäischen Sprachen; die römische Gesellschaftsordnung prägt die Staaten bis heute – und der Lateinunterricht spürt diesen Wurzeln sehr anschaulich und lebendig nach. Ein anderes Vorurteil aber stimmt: „Latein hat einen komplexen Wortschatz und eine komplexe Grammatik, es fordert und fördert analytisches Denken und Kombinationsfähigkeit.“ Kinder, die mit Freude minutenlang an der Übersetzung eines Satzes puzzeln, lernen tatsächlich fürs Leben: etwa, Frustrationen auszuhalten.

Kinder, die dagegen mit Freude sprechen, Lust an der Kommunikation haben, sind im Französischen und den anderen romanischen Sprachen gut aufgehoben. Auch im Französischunterricht spielt die Landeskunde eine große Rolle, „die deutsch-französischen Beziehungen sind noch immer sehr wichtig“, sagt Claire Badiou – und die Lebensart gleichsam Teil des Unterrichts. Gleichwohl hat auch Französisch eine Grammatik, die gelernt werden will, betont sie: „Viele Fremdsprachenlehrer werden mit dem Problem konfrontiert, dass die Schüler nicht wissen, worüber wir sprechen – weil sie oft nicht gewöhnt sind, die Grammatik ihrer eigenen Sprache zu reflektieren. “

Einen leichteren Zugang als das Französische bietet das Spanische, das seit einigen Jahren als Zweitsprache im Trend liegt: 180.000 Schüler in NRW lernen derzeit Spanisch, doppelt so viele wie vor zehn Jahren (siehe Grafik). Damit hat Spanisch Latein überholt (177.000 Schüler), liegt allerdings noch weit hinter Französisch (336.000 Schüler) zurück. „Latein bleibt als Angebot der Gymnasien ein Alleinstellungsmerkmal“, meint dennoch Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologen-Verbandes in NRW. „Aber die Rolle des Französischen wird durch Spanisch zunehmend infrage gestellt.“

Was in Studium und Berufsleben nützt

Latein braucht man doch fürs Studium! – das glauben noch immer viele Eltern. Dabei gibt es keine landesweite Lateinpflicht mehr für Medizin oder Lehramt. Seit einigen Jahren dürfen die Universitäten selbst entscheiden, ob sie ein Latinum verlangen; wenn überhaupt, wird vielfach nur das kleine Latinum gefordert. Allerdings: „Latein lehrt zu lernen“, betont Lateinlehrer Niklas Bonnekessel die strukturfördernde Wirkung dieser Sprachwahl.

Ähnlich hartnäckig hält sich seit einigen Jahren die Annahme, Spanisch wäre – nach Englisch – die wichtigste Wirtschaftssprache. Einerseits sehen Unternehmen tatsächlich in dem enorm großen spanischen Sprachraum Zukunftspotenzial, sprechen 440 Millionen Menschen Spanisch (und „nur“ 290 Millionen Französisch): „Spanisch ist von hohem Interesse, um auch Geschäfte im südamerikanischen Raum abwickeln zu können“, sagt Ulrich Kanders, Hauptgeschäftsführer des Essener Unternehmerverbandes. Andererseits gehören weder Spanien noch ein lateinamerikanisches Land zu den Top Ten der wichtigsten Handelspartner Deutschlands: Im vergangenen Jahr lag China weiterhin auf Platz eins (Importe und Exporte), gefolgt von den Niederlanden, den USA – und Frankreich auf Platz vier.

Die Zahl der Niederländisch-Schüler hat sich in den vergangenen Jahren tatsächlich verdoppelt, von 14.000 auf knapp 29.000 Lernende – zunehmend mehr Schüler entscheiden sich heute auch für ein Studium in den Niederlanden. Chinesisch aber ist nur an 38 Schulen in NRW überhaupt Unterrichtsfach (mit knapp 2000 Schülern). Ulrich Kanders vom Unternehmerverband rät: „Wenn dies an der Schule angeboten wird, empfehlen wir, eine Chinesisch-AG zu wählen. Die Zusatzqualifikation Chinesisch bedeutet einen enormen Bewerbervorteil.“

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