Kinder-Sicherheit

Wie viel sollten Eltern von ihren Kindern im Netz zeigen?

Ein Bild vom Nachwuchs ist schnell gemacht und auf Facebook & Co. hochgeladen. Damit können Eltern Gefahren eingehen.

Foto: mediaphotos

Ein Bild vom Nachwuchs ist schnell gemacht und auf Facebook & Co. hochgeladen. Damit können Eltern Gefahren eingehen. Foto: mediaphotos

Essen.   Manche Eltern zeigen alles von ihren Kindern auf Facebook & Co., andere verwehren jeglichen Blick auf den Nachwuchs - teils auf kreative Weise.

Die Internet-Präsenz ihrer jetzt zweijährigen Tochter, des „Kleinen E“, beginnt Henrike Tönnes (33) aus Castrop-Rauxel mit diesem Bild: Ein Kinderwagen vor dem Berliner Fernsehturm, das darin liegende „Kleine E“ (auch in der Zeitung soll der volle Name des Kindes nicht genannt werden) ist nicht zu sehen, links im Bild der Berliner Dom. Als Tönnes diesen Schnappschuss auf Facebook mit der Unterschrift „Kleines E oben an der Spree“ teilt, ist ihre Tochter gerade drei Monate alt.

Seitdem lässt Henrike Tönnes ihr nahestehende Menschen immer wieder am Großwerden ihrer Tochter teilhaben. Für die Trainerin für Körpersprache, Sängerin und Sprecherin sind Facebook und Instagram kreative Ventile und ein Fenster zu Freunden und Familie in aller Welt. „Ich habe Freunde wie Familie verstreut in Deutschland und erstere sogar in Kapstadt“, sagt Tönnes.

Auf das Berlin-Foto folgten Bilder, auf denen das „Kleine E“ in einem ausrangierten Bus am Lenkrad sitzt und mit der rechten Hand den Hebel bedient, auf Asphalt mit Kreide malt, über eine Klee-bedeckte Wiese läuft. Auf keinem Bild ist das Gesicht des Kindes zu sehen, nur der blonde Haarschopf oder ein Teil des Gesichts.

Medienkompetenz der Eltern stärken

Dazu dichtet Tönnes dann kleine Textzeilen: „Hat den Dreh, mein Kleines E!“ oder „Das Kleine E als Pablo P.!“ oder „Kleines E läuft durch Klee“. Mittlerweile zeigt Tönnes diese Bilder auch in einem öffentlichen Instagram-Account. Sie ist sich aber sicher, dass mit den Bildern nicht viel anzufangen ist. Das „Kleine E“ ist auf jedem Bild voll bekleidet.

Dr. Stephan Humer erforscht in Berlin das Verhalten von Menschen im Internet. „Die Strategien der Eltern greifen oft zu kurz,“ ist sich der Soziologe und Informatiker sicher. „Das Digitale ist wahnsinnig komplex und simple Rezepte wie ,Ich zeig’ mein Kind immer oder nie’ seien nicht zielführend“, sagt der Forscher. Entscheidend sei, dass Eltern Medienkompetenz aufbauen. „Wer Bilder auf Facebook hochlädt, läuft stets Gefahr, dass Freunde einen Beitrag, selbst einen mit beschränkter Privatsphäre, veröffentlichen, weiterverbreiten, sich herunterladen.“

Soziales, Technisches und Rechtliches

Der Königsweg seien „Datensparsamkeit“ und „ständiges Reflektieren“. Der Internet-Forscher rät Eltern, „sich im ersten Schritt mit Bezug zu sozialen Medien zu fragen: ,Was will ich? Was wollen wir? Was will das Kind?’. In einem zweiten Schritt sollten Eltern den technischen Aspekt berücksichtigen. „Wie für Datenschutz sorgen?“ ist laut Humer die Devise.

Erst als letztes Element sollten Eltern auch Rechtliches in ihre Überlegungen einbeziehen. „Das Rechtliche hat allerdings an Bedeutung eingebüßt“, gibt Humer zu bedenken. „Zum Beispiel ist es ziemlich aussichtslos, Facebook als global operierendes Unternehmen zu verklagen.“

„Herr von Bödefeld“

In seinem Firmen-Blog „Ich bin dein Vater“ teilt Dr. Thomas Guntermann aus Köln hin und wieder Fotos, auf denen sein dreijähriger Theo zu sehen ist. „Ich finde es nicht bedenklich, mein Kind zu zeigen. Für mich stellt sich nicht die Frage des Ob, sondern des Wie“, sagt der Kommunikationsberater.

Er plädiert für ein respektvolles Zeigen des eigenen Nachwuchses. Bilder im Swimming-Pool oder in der Badewanne von seinem Theo werde er nie bei Facebook & Co. einstellen. Der Name des Sohnes steht auch nicht dabei, stattdessen oft „Herr von Bödefeld“ als Anspielung auf die Sesamstraße. An diesen erinnerte der kleine Theo seine Eltern, als er in den Windeln lag.

Position: Keine Kinder-Bilder im Internet

Thomas Lemken aus Köln hat zwei Töchter im Alter von zwei und fünf Jahren und schreibt auch im Blog „Ich bin dein Vater“. Online gibt es ein einziges Bild einer Tochter. Zu sehen ist der Hinterkopf, bedeckt mit einem grünen Kinder-Fahrradhelm. Das Bild sei entstanden, um das Helm-Modell vorzuführen. Der 39-jährige PR-Fachmann hält Bilder seiner Kinder aus dem Internet heraus.

„Ich will nicht im Überschwang der Gefühle etwas veröffentlichen, was das Kind später unglücklich macht, wenn es sich zuordnen kann“, sagt er. Zum anderen gibt Lemken zu bedenken, dass keiner kontrollieren könne, wie auf Facebook eingestellte Bilder verwertet würden. Die Gegenposition, die Kinder nicht aus dem Internet verbannen will, ist für Lemken dennoch nachvollziehbar.

Gegenposition: „Kinder gehören auch ins Internet“

Die Düsseldorferin Sonja Lehnert will mit ihrem Eltern-Blog „Mama Notes“ einen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten. Die 44-Jährige zeigt ihre zwei Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren nie mit Gesicht, sondern „höchstens im Profil“. Wie Eltern ihre Kinder im weltweiten Netz darstellen, sei eine ganz persönliche Entscheidung. Für die Social-Media-Managerin und Bloggerin ist die Würde des Kindes, also die Art der Darstellung, entscheidend.

Lehnert schreibt in ihrem Blog: „Um gute Entscheidungen über das Verhalten im Internet fällen zu können, brauche ich Medienwissen, Medienkompetenz und eine gewisse Übung.“ Die „Sache mit den Medien“ sei aber komplex – da ist sie sich mit Stephan Humer einig. Zum Beispiel ändere Facebook ständig seine Privateinstellungen.

In der Debatte wünscht sich Lehnert „mehr Toleranz gegenüber den Entscheidungen anderer Menschen, Familien, Eltern“. Oft würden Eltern öffentlich für ihre Entscheidungen angeprangert. Lehnert, hat ebenso wie Tönnes, entschieden, dass sie kein Internet ohne Kinder will. „Kinder gehören zu unserer Welt, also für mich auch ins Internet“, sagt die zweifache Mutter.

>>> Wieso Eltern Kinder-Bilder hochladen

Was motiviertEltern, Kinder-Bilder auf Facebook & Co. zu teilen und wie wirkt sich das auf die Kleinen aus?Darüber sprach Elena Boroda mit Dr. Carolin Barth, Psychologische Psychotherapeutin aus Mülheim.

Was bringen Eltern ihrem Nachwuchs bei, wenn sie ihn oft fotografieren?

Barth: Oberflächlichkeit. Das hält davon ab, losgelöst, spontan zu sein, Dinge zu machen, die nicht gut aussehen, die nicht „cool“ sind. Das Perfektionistische, dieses „Alles muss toll sein. Ich muss super aussehen“ erleben wir häufig in unserer Praxis.

Welche Kinder-Bilder gehören nicht ins Netz?

Gerade Fotos, auf denen das Kind nackt oder auf’m Töpfchen ist. Tauchen die Bilder im schulischen oder beruflichen Umfeld wieder auf, kann das problematisch sein – eine Steilvorlage für Mobbing. Die Hauptgefahr sehe ich für Kinder in der Pubertät.

Wieso veröffentlichen Eltern Bilder ihrer Kinder in sozialen Medien?

Weil sie stolz auf ihre Kinder sind. Ein anderer motivationaler Faktor ist, dass die Eltern Lob in Form von Likes und Kommentaren für ihre Bilder haben wollen. Damit sagen Eltern aus, „Schaut her, das ist das, was ich erreicht hab’. Das ist mein süßes Kind, mein tolles Kind.“

Weshalb gibt es Eltern, die sich diesen Zuspruch wünschen?

Um möglichst vielen Menschen zu zeigen, dass sie ein spannendes Leben haben, und um Bestätigung von anderen zu bekommen. Damit wertet derjenige die eigene Person auf. In sozialen Medien lässt sich das leicht erreichen. Entscheidend ist: Das Maß macht die Dinge.

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