Bühne

Der „Troubadour“ am Aalto: ein musikalischer Coup

Der „Troubadour“ am Essener Aalto-Theater, Im Zentrum: Nikoloz Lagvilava (Graf von Luna) und Gaston Rivero (Troubadour). Foto:Matthias Jung

Der „Troubadour“ am Essener Aalto-Theater, Im Zentrum: Nikoloz Lagvilava (Graf von Luna) und Gaston Rivero (Troubadour). Foto:Matthias Jung

Essen.   Das Sängerensemble behauptet sich gegen klischeehafte Bilderflut: Doch Verdis „Troubadour“ wurde am Essener Aalto-Theater zwiespältig aufgenommen

Mit der Neuinszenierung des „Troubadour“ steht jetzt am Aalto-Theater Giuseppe Verdis erfolgreicher Dreiklang aus „Rigoletto“ und „Traviata“ in dieser Saison komplett auf dem Spielplan. Musikalisch geriet die Troubadour-Premiere in jeder Hinsicht zum entsprechend bejubelten Fest. Szenisch erstickt in Essen Verdis vielleicht dunkelste Oper in einer Flut klischeehafter Bilder, in der das Regieteam Patrice Courier und Moshe Leiser mit den Bühnen- und Kostümbildnern Christian Fenouillat und Agostino Cavalca aufbietet, was an Kriegs- und Flüchtlingsszenen, Aufständen, Rassismus oder Diskriminierung von Minderheiten die Welt verstört – und die Medien zeigen.

Der Kampf des ungleichen Brüderpaars Manrico (der Troubadour) und Graf Luna, die rivalisierenden politischen Lagern angehören, die gleiche Frau lieben und von ihrer Blutsverwandtschaft nicht wissen; die Zigeunerin, die allein das dunkle Geheimnis kennt und den Bruder des Grafen wie ihren Sohn aufzog; die adelige Frau, die vermeintlich unstandesgemäß liebt (den Troubadour) und sich opfert, um diesen aus der Gewalt seines Bruders zu retten; am Ende Brudermord ohne Reue: All das spielt in einem Einheitsraum, der an ein großes Amtsvorzimmer mit Neonlicht erinnert. Dahinein drängen mal Soldaten, mal Zigeuner wie Flüchtlinge. Mobilar und Kriegsgerät, später geborstene Gebäudeteile füllen den Raum zusehends und werden bei Szenenwechsel lediglich umarrangiert. Austauschbare Bilder, die für viele Opern herhalten könnten.

So spielt sich das Drama zwischen den bis in die kleinen Partien (Baurzhan Anderzhanov, Albrecht Kludszuweit und Liliana de Sousa) ausgezeichneten Sängern und den unter Giacomo Sagripanti subtil und differenziert gestaltenden Essener Philharmonikern ab. Mit Aurelia Florian holte man eine Verdi-Spezialistin nach Essen, die in der Partie Leonora die Geläufigkeit des späten Belcanto mit der großen, verströmenden Linie und einem hinreißend tragfähigen Piano verbindet. Nikoloz Lagvilava, seit dieser Spielzeit neu im Ensemble) gebietet über einen kernigen Bariton, der neben nobler Linie auch über jene „schwarze“ Farbe des zynisch-brutalen verdischen Tyrannen verfügt.

Das Verdienst Sagripantis und der Philahrmoniker ist es, die Staffelungen der Partitur und das Tonartenverhältnis, das die unterschiedlichen Welten der Protagonisten charakterisiert, in ihrer vielschichtigen Dramatik auch zwischen Chor (Einstudierung: Jens Bingert) und Solisten herauszuarbeiten. Carmen Topciu als Zigeunerin Azucena verfügt über einen nicht zu ausladenden geläufigen Mezzo mit sicheren Spitzentönen und dramatischer Beweglichkeit. Mit Gaston Rivero in der Titalpartie kehrt ein Tenor an das Haus zurück, der nicht nur über die nötige metallische Grundierung der Spitzentöne verfügt, sondern vor allem auch über die Geschmeidigkeit und Farben eines Lyrico-Spinto, die ihn as idealen Verdi-Helden empfehlen. Musikalisch hat die Essener Oper mit ihrem neuen „Troubadour“ auf jeden einen Fall einen Coup gelandet.

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