Kino

Der Thriller „Abgeschnitten“ - Schnitzeljagd mit Leiche

„Abgeschnitten“ mit Lars Eidinger, der als Psychopath das Messer wetzt.

„Abgeschnitten“ mit Lars Eidinger, der als Psychopath das Messer wetzt.

Foto: Warner Bros

Essen.  Großes Ziel, aber einfach zu platt losgeprescht: Christian Alvarts Thriller „Abgeschnitten“ übertreibt maßlos, manches wirkt sogar komisch.

Paul Herzfeld ist Rechtsmediziner in Berlin. Die Leiche einer offenbar misshandelten Frau, die eines Abends auf seinem Untersuchungstisch landet, scheint ein Routinefall zu sein. Aber dann findet sich im Kopf der Toten ein Projektil, das sich aufschrauben lässt, und im Inneren befindet sich ein Zettel, auf dem Herzfeld die Handynummer seiner Tochter findet.

Das ist der Auftakt für eine forensische Schnitzeljagd, mit der Sebastian Fitzek und Co-Autor Michael Tsokos die deutschen Büchercharts stürmten. Die Verfilmung machte sich Christian Alvart zum Herzensprojekt der Saison, Koproduzent, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion. Schon lange versucht Alvart, dem deutschen Film zu einem festen Fundament des Nervenkitzels zu verhelfen. Doch schon bei seiner ersten großen Produktion „Antikörper“ (2005) zeigte sich, dass Alvart zwar dem richtigen Ziel nachjagt, sich in der Wahl der Mittel aber gerne verschätzt. Action mit der Brechstange etwa prägt durchweg seine Regiearbeiten zu Til Schweigers Hamburger Tatorten.

„Abgeschnitten“ ist ein Reißer zwischen „Anatomie“ und „DaVinci Code“

Alvarts neuer Film ist ein Reißer, der zwischen „Anatomie“ und „DaVinci Code“ nach allem Morbiden fischt, was in der skandinavischen Krimischule noch nicht ausgeweidet wurde. Zwei Handlungsfäden verknüpfen sich dabei. Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu in angemessen gehetztem „Experiment“-Modus) findet Spuren, die nach Helgoland führen, wo ein Wintersturm den Kontakt zur Außenwelt unterbunden hat, nur nicht den Mobilfunk. Und so trifft Paul fernmündlich auf Linda (Jasna Fritzi Bauer), die zufällig ein Telefonat annimmt, als sie neben einem Toten am Strand steht. Diese Leiche wird sie später unter telefonischer Anleitung sezieren. Sie findet etwas Ungewöhnliches, das einen Hinweis über den Verbleib von Herzfelds Tochter darstellen wird.

Wie schon bei seinem letzten Film „Steig. Nicht. Aus.“ ist Christian Alvart als Autor und Regisseur besessen davon, das Publikum mit einem Spannungskino zu bedienen, das sich in dem Bereich zwischen „Das Schweigen der Lämmer“, „Collateral“ und „Speed“ bewegt. Sein Problem ist, dass er weder über das dafür nötige Budget noch über die nötige Geduld und Finesse verfügt.

Mit Attraktionen bis zum Überdruss will Alvart den Zuschauer ködern

Damit das Publikum bei der Stange bleibt, kommt er brachial zum Punkt, verkauft Glaubwürdigkeit zugunsten von prahlerisch herausposaunten Attraktionen, die er bis zum Überdruss ausreizt. Das gilt für das Zerlegen von Leichen ebenso wie für den immer knapper werdenden Countdown um die Rettung von Herzfelds Tochter. Im Gegenzug ist der im Dialog massiv beschworene Wintersturm nur ein armselig animierter Schneeregen aus dem Computer. Solche Diskrepanzen rächen sich in unfreiwilliger Komik und unterforderten Schauspielern. Das gilt besonders für Lars Eidinger, der sich an einer läppischen Nebenrolle als Psycho-Satan abarbeitet, als ob dieses Rollenfach gerade erst erfunden werden müsste. Gute Schauspieler müssen nicht zwangsläufig Garanten für eine gute Besetzung sein.

Am Ende gibt es dann noch einen Kampf in einem Helikopter über den Nordsee. Es fliegen sogar Finger. Der Film heißt ja nicht umsonst „Abgeschnitten“.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben