Literaturtipp

Der neue Zauberberg heißt „Grand Hotel Europa“ - vielleicht

Barockes Auftreten, eleganter Stil und reichlich Ironie: Der niederländische Autor Ilja Leonard Pfeijffer.

Barockes Auftreten, eleganter Stil und reichlich Ironie: Der niederländische Autor Ilja Leonard Pfeijffer.

Foto: Marc Brester / aquattromani.nl.

In den Niederlanden ist Ilja Leonard Pfeijffer ein Weltstar. Sein unterhaltsam essayistischer Wälzer könnte ihm bei uns den Durchbruch bescheren.

Nichts ist unterhaltsamer als ein Nachruf. Und der 555-Seiten-Schmöker „Grand Hotel Europa“ des niederländischen Autors Ilja Leonard Pfeijffer ist in gleich mehrfacher Hinsicht ein Nachruf. In den Niederlanden sagenhaft verkauft und gepriesen, kürzlich auf der Lit.Ruhr von ihm persönlich vorgestellt, klettert das „Grand Hotel Europa“ allmählich auch hierzulande die Bestseller-Listen empor.

Erstaunlich, wie bescheiden, fast schüchtern Ilja Leonard Pfeijffer auf der Lit.Ruhr rüberkam. Es mag dem Bemühen geschuldet sein, sich in Deutsch dem Gespräch zu stellen. Sonst gilt der 52-Jährige als überbordend selbstbewusst und (selbsternannter, aber auch preisgekrönter) Meister vieler Sujets: Roman, Erzählungen, Gedichte, Kolumnen, Essays, Stücke und Songs. 2008 radelte er spontan mit seiner damaligen Partnerin von Holland nach Rom, ließ sich in Genua nieder, verliebte sich erst in die Stadt und dann in eine Nachbarin.

Und ihr, Stella, ist sein jüngster Roman gewidmet. Das Buch - es ist ein Nachruf auf das alte Europa, das von Beginn an immer schon unterging und es ist der Nachruf auf eine lustvolle Beziehung des Ich-Erzählers zu einer italienischen Kunsthistorikerin aus gutem Hause, die ausgerechnet Clio heißt - wie die Muse der Historiker.

Wir müssen uns den Ich-Erzähler Pfeijffer als einen sehr barocken Charakter vorstellen, der dem Genuss von Wein, Weib und Kunst sehr zu getan ist – von der Kulinarik über die ausführliche, bis zur Schleichwerbung beschriebene Garderobe bis zum klassischen Klavierspiel.

Das Grand Hotel wird umgemöbelt: Pub statt Bibliothek, Swarovski statt Lüster

Das Grand Hotel Europa, in dem Pfeijffer absteigt ist Symbol des gleichnamigen Kontinents, die anderen Gäste und das Personal sind bis zur Karikatur überzeichnet und mokieren sich über jede Veränderung. Und dafür steht weniger ein Zuwanderer wie Ahmed, dem Boy am Eingang, als vielmehr durch Herrn Wang aus China, der den alten Klotz kauft und saniert und ihn so europäisch macht wie die Asiaten sich eben ein europäisches Grandhotel vorstellen. Ein bisschen mehr instagram-tauglich als die Realität muss es schon sein.

Also muss ein englischer Pub rein statt der ollen Bibliothek und ein Swarovski-Leuchter die alten Lampen ersetzen. Und ein modernes Buchungssystem, das zum Aus für den technisch zu unbegabten Majordomus führt. Was die europäischen Gäste zu einer Resolution veranlasst, die allerdings etwas knifflig abzustimmen ist…

In Rückblenden auf seine Liebe mit Clio, die gleichzeitig eine Da-Brown-artige Schatzsuche nach dem letzten Bild von Caravaggio ist, beschreibt Pfeijffer Europa als gefangen in der Vergangenheit, ein von Touristenmassen erdrücktes Museum, so wie der Hauptschauplatz Venedig. Pfeijffer nimmt wenigstens den Leser mit nach Venedig, Amsterdam und Giethoorn, an Orte also, wo Europa überrannt wird vom Tourismus, der ja bekanntlich zerstört, was er sucht.

Ein Kontinent als kollektiver Freizeitpark

Der Tod in Venedig, den Pfeijffer hier besingt, ist der Tod der europäischen Identität: Der Kontinent wird zum kollektiven Freizeitpark der Welt. Europa verscherbelt seine Geschichte und seine kulturellen Schätze an eine Weltöffentlichkeit, die diese weder zu verstehen noch zu schätzen weiß.

Dass das Buch nun womöglich ein Nachruf auf genau jene Zeit des Massentourismus vor Corona geworden ist - das konnte Pfeijffer indes nicht ahnen.

Das ganze dicke Pathos vom Untergang dieses Abendlandes tränkt Pfeijffer zum Glück in reichlich Ironie, spickt es mit kernigen Sex-Szenen und einigen Plotsträngen, die die zeitweilig etwas sehr essayistischen Passagen verknüpfen. Was Thomas Mann der Brockhaus ist ihm Wikipedia. So suhlt er sich, wohlriechend parfümiert und gut gekleidet im Licht der untergehenden Zivilisation, die er schwärmerisch besingt – als alter, weißer, sexistischer Mann. Der allerdings etwas verwirrt ist, als ihn ein US-Mädchen mit einem Sex-Vertrag behelligt, bevor sie das Bett mit ihm teilt.

Ob das Grand Hotel am Ende eher als Feuilletonbeitrag oder als große Erzählung gewertet und irgendwann tatsächlich neben Mann und Mulisch im Kanon stehen wird – das muss jener Lauf der Geschichte weisen, den Pfeijffer wortreich beschwört. Seine Einschätzung hat er schon im NDR kundgetan: „Wenn es möglich ist, alle hundert Jahre ein neues Buch zu schreiben über den Untergang Europas, ist das vielleicht ein Trost.“

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