Klassik

Der große Dirigent Mariss Jansons ist tot

Der lettische Dirigent Mariss Jansons, hier beim grandiosen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2016. Am 1. Dezember ist er gestorben

Der lettische Dirigent Mariss Jansons, hier beim grandiosen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2016. Am 1. Dezember ist er gestorben

Foto: Hans Punz / dpa

Völlige Hingabe bis zum Raubbau. Die Musikwelt trauert um den großen lettischen Dirigenten Mariss Jansons. Er wurde nur 76 Jahre alt.

Nicht erst die letzten Monate waren eine Zitterpartie für ein Publikum, das wusste, was ein Konzert mit Mariss Jansons bedeutete: Die Entdeckung der Welt, so bekannt das Werk auch sei. Ob es der Kosmos Beethoven war oder das Universum Bruckner: Eine von Wissen und Leidenschaft durchpulste Deutung, natürlich mit den besten Orchestern der Welt, war denen sicher, die Jansons erlebten.

Doch Mariss Jansons, der am Samstag im Alter von 76 Jahren in St. Petersburg gestorben ist, rang schon lange mit seinen schwindenden Kräften. Sein letztes Essener Konzert im November konnte er nicht dirigieren. Herzkrank war Jansons viele Jahre, vielleicht eine ererbte Schwäche. Der Vater – ebenfalls Dirigent – starb an einem Infarkt, der ihn während eines Konzerts getroffen hatte. Sein Sohn Mariss hatte schon 1996 am Pult einen schweren Herzanfall erlitten, er dirigierte das Finale von Puccinis „La Bohème“.

Die besten Orchester der Welt liebten ihn: Mariss Jansons konnte zuhören

Mehr Rücksicht auf diese Schwäche zu nehmen, es hätte für Jansons schlicht den Verzicht auf das wahre Leben bedeutet – und das war Musik. Hingabe und Raubbau waren ab einem gewissen Zeitpunkt vielleicht die zwei Seiten einer Medaille dieser Persönlichkeit, die die Orchester verehrten – auch weil der Maestro sehr gut zuhören konnte und selbst einem leichten Werk wie Josef Strauss’ „Sphärenklängen“ überirdisch schöne Farben abzuringen verstand, die das Werk seinen Namen wirklich verdienen ließ – zu hören im Wiener Neujahrskonzert 2016, einem der großartigsten der letzten Jahre.

Apropos Wien: „Diese Akribie! Enorm hohe Qualität, ein Perfektionist, total im Dienst der Musik!“, sagte mir der Wiener Philharmoniker Christoph Koncz, als ich ihn bat, den großen Dirigenten zu charakterisieren. Jansons hatte in der Musik totale Erfüllung gefunden – und eine Gegenwelt. Seine Kindheit war Schmerz: In einem Versteck war er 1937 in Riga geboren worden, da hatten die Nazis schon Vater und Bruder seiner Mutter – eine jüdische Opernsängerin – ermordet. Der Schüler Herbert von Karajans erreichte in seinen Konzerten eine Tiefe, die uns bis zuletzt komplett überwältigen konnte. Mariss Jansons wird fehlen.
Lars von der Gönna

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