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„Das Institut“: Stephen King blickt ins dunkle Herz Amerikas

US-Autor Stephen King hebt in seinem neuen Buch „Das Institut“ zwar den moralischen Zeigefinger – lässt dabei aber überhaupt keine Langeweile aufkommen.

US-Autor Stephen King hebt in seinem neuen Buch „Das Institut“ zwar den moralischen Zeigefinger – lässt dabei aber überhaupt keine Langeweile aufkommen.

Foto: Maja Hitij / picture alliance

Essen.  Bestseller-Autor Stephen King wandelt sich immer mehr vom Horrorkönig zum Gegenwartsdiagnostiker. Das stellt er mit „Das Institut“ unter Beweis.

Luke Ellis ist zwölf Jahre alt und lebt in Minneapolis. In seiner Freizeit fährt er gerne Skateboard und schaut Sponge Bob. Ein ganz normaler Junge, finden seine Eltern, nur dass sie es aufgegeben haben, ihn nach der Schule zu fragen. Nicht, weil es dort schlecht liefe. Sondern weil sie längst weit davon entfernt sind zu verstehen, was in Lukes Kopf vor sich geht – und so auch kaum überrascht sind, als der Schuldirektor ihnen rät, Luke an gleich zwei Elite-Universitäten studieren zu lassen. Dass sie zustimmen, ist allerdings ihr Todesurteil: Aufmerksamkeit für ein Wunderkind kann „Das Institut“ nicht gebrauchen, also kommen sie Luke schon jetzt holen – denn die Tatsache, dass er Kraft seiner Gedanken Pizzableche fliegen lassen kann, macht ihn zu einem wertvollen Mitarbeiter ihrer Weltrettungsmission.

Als Stephen King seine Karriere als Horrorschreiber begann, da lehrte er uns das Gruseln vor jedweder übernatürlichen Begabung – man erinnere sich nur, wie Mobbingopfer „Carrie“ der Wut auf ihre Mitschüler freien Lauf ließ! In seinem neuen Roman „Das Institut“ aber ist die Welt längst eine andere.

Ein Amerika, das Donald Trump jeglicher Poesie und Empathie beraubt hat

Schon zu Beginn lässt King einen abgehalfterten Polizisten quer durch ein Amerika trampen, das von Donald Trump jeglicher Poesie und Empathie beraubt wurde. Im weiteren Verlauf, den King mit mehreren Handlungssträngen straff in Spannung hält (und das in über 700 Seiten!), wird dieser Polizist, der in einer Kleinstadt hängen bleibt, auf den flüchtigen Luke treffen und gemeinsam mit ihm die Verfolger des Instituts bekämpfen: zwei gegen den Rest einer Welt, die grausamer kaum sein könnte.

Man braucht nicht viel Fantasie, um Kings Roman als Kommentar zur Gegenwart zu lesen, denn früh wird klar: Nicht von den übernatürlich begabten Kindern geht diesmal die Gefahr aus, sondern von ihren Kidnappern, die im Institut die Kraft dieser Kinder nutzen, um unliebsame Weltenbürger von Ferne auszuschalten – mal sieht es wie Selbstmord aus, mal wie ein Unfall, immer aber steckt geballte Gedankenkraft dahinter.

Stephen King tarnt den moralischen Zeigefinger als Pageturner

Sind die Kinder ausgelaugt, kommen sie in den „Hinterbau“: Es hätte der grausamen Bilder von inhaftierten Kindern nicht gebraucht, um an Trumps Migrations-„Politik“ der Familientrennung zu erinnern. Was tut diese Welt ihren Kindern an? So scheint uns der 71-jährige Autor, der das Buch seinen drei Enkeln gewidmet hat, geradezu anzuschreien. Dies ist ein moralischer Zeigefinger, getarnt als Pageturner (mit Gestaltwandlern kennt King sich ja aus), ein Blick ins dunkle Herz Amerikas.

Gäbe es nicht die liebevollen Kleinstadt-Charaktere, die King gewohnt lebendig zeichnet, gäbe es nicht den gemeinsamen Aufstand der gefangenen Kinder (der wiederum an die weltweiten Schülerdemos erinnert) – man möchte beinahe den Glauben an das Gute verlieren. Wie weit King auf dem Weg vom Horrorkönig zum Gegenwartsdiagnostiker gekommen ist, zeigen die cineastischen Remakes von „Es“ und „Friedhof der Kuscheltiere“ – da war das Böse noch etwas, das von außen über die Gesellschaft hereinbrach. Heute ist es ihr Zentrum.

Stephen King: Das Institut. Heyne Verlag, 768 Seiten, 26 €

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