Literatur

Roman von Hannes Köhler: Das Hohelied der Demokratie

Deutsche Kriegsgefangene bei der Mahlzeit in dem Camp von Hearne, Texas.

Foto: Arkansas Nationa Guard Museum

Deutsche Kriegsgefangene bei der Mahlzeit in dem Camp von Hearne, Texas. Foto: Arkansas Nationa Guard Museum

Essen.   Hannes Köhlers Roman „Mögliche Leben“ kreist um deutsche Kriegsgefangene in den USA, Hitlers langen Schatten und Familiendramen in Essen

Am Anfang war das Wort des Großvaters: Die Familiensaga vom Großonkel, der einst als Soldat in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. Den das Schicksal und ein Farmbesitzer drängten, sich in Kalifornien ein ganz neues Leben aufzubauen. Und der ablehnte. „Mein Großvater hat das Leben in Amerika als große Chance gesehen, hat seinem Bruder sehr gut zugeredet“ – so intensiv, so vehement offenbar, dass die beiden Brüder darüber in einen nicht mehr zu schlichtenden Streit gerieten. Die Familie zerbrach. Und so hat der Schriftsteller Hannes Köhler, der einst als kleiner Junge im Ruhrgebiet den Geschichten seines Großvaters lauschte, die Familiensaga selbst mit eigenem, neuem Leben gefüllt.

Über 400 000 Prisoners of War, deutsche Kriegsgefangene, lebten während des Zweiten Weltkriegs in rund 500 Camps in den USA. Köhlers Roman „Ein mögliches Leben“ zeichnet das Bild einer Demokratie, die sich ihrer Macht und Stärke bewusst ist – und die daher die gefangenen Soldaten mit Respekt behandelt. Mehr noch: So üppig ist das Essen im Lager, so blütenweiß das Bettzeug, dass sein Protagonist Franz am 19. Juli 1944 in sein Tagebuch schreibt: „Ankunft im Lager Hearne, Texas. Einweisung in Lagerregeln und Barackenzuteilung. Alles erscheint als ein Luxus.“

Das Camp Hearne ist heute noch zu besichtigen, durch Unkraut hindurch führt der Pfad zu den Resten der Baracken. Zwei Monate lang ist Hannes Köhler durch Amerika gereist, hat historische Orte besichtigt, in Archiven recherchiert. Auch der Roman beginnt mit einer Reise in der Gegenwart: Martin begleitet seinen Großvater Franz in die USA, zu jenen Orten, an denen die Vergangenheit lebendig wird.

Diese Reise ist die Rahmenhandlung, an ihrem Ende wird Franz sich endlich mit seiner Tochter Barbara versöhnen können – die damals, als sie selbst in den Straßen des Ruhrgebiets so entschieden gegen den Vietnam-Krieg protestierte, die Amerika-Begeisterung ihres Vaters nicht teilen mochte. Franz‘ bester Freund im Lager ist ein Amerikaner: Paul, der deutsche Wurzeln hat und sich freiwillig zum deutschen Kriegseinsatz meldete – gegen den Willen seiner Familie. In Gefangenschaft aber ist er längst überzeugter Hitler-Gegner. Die Figur Paul ist historisch: „Das war ein Kernmoment, als ich die Biografie dieses Deutsch-Amerikaners gelesen habe“, erzählt Hannes Köhler. Und so entsprechen die blutigen, am Ende gar tödlichen Ausein­andersetzungen unter den deutschen Soldaten der historischen Wirklichkeit entsprechen, dass überzeugte Anhänger des Nationalsozialismus tatsächlich noch in amerikanischen Lagern ihre Landsleute terrorisierten. Für Franz sind dies jene Momente, in denen sich sein politisches Bewusstsein formt: „Diese Strömung, die ihn in den Krieg, in die Gefangenschaft und in die Lager gespült hat, wird immer schwächer, er wird langsamer und das Wasser tiefer. Dass er nicht schwimmen kann, denkt er, und dass er es lernen sollte. Und viel wichtiger, denkt er, von wem man es lernen will, das Schwimmen.“

Dieses Hohelied der Demokratie erinnert noch einmal an den Gründungsmythos der deutsch-amerikanischen Beziehungen, weit vor Guantanamo, weit vor Donald Trump; ein Amerika-Bild, das vielen Lesern heute fremd ist. In den Augen von Franz aber ist Amerika „weit und grün“ und „offen“. Essen hingegen, Franz‘ Heimat, ist „ist fern, ist klein und grau, ist voller Kohlestaub, ist die elterliche Stube, die ihm unter diesem Himmel dunkel und traurig vorkommt“.

Dennoch kehrt Franz zurück. Im echten Leben ist der Großonkel, der die Verlockungen des amerikanischen Traums ausschlug, früh gestorben: als Bergmann, Staublunge. Im Roman darf Franz noch seinen Urenkel kennenlernen, darf sich mit seiner Tochter versöhnen. Diese wiederum steht den möglichen und unmöglichen Leben so gelassen gegenüber, dass es auch Köhlers Lesern ein Trost sein mag: „Weitermachen, darum ging es, und zwischendurch etwas Spaß haben, ganz egal, welches Leben man lebte.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik