Literatur

Cornelia Funke: „In jeder Liebe probieren wir uns selbst aus“

Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke.

Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke.

Foto: Christophe Gateau / dpa

Essen.  Millionen Kinder lieben Cornelia Funke. Im Interview spricht sie über ihre Leidenschaften – und die Liebe, die auch mit 60 noch schmerzen kann.

In ihren Büchern schwelgt Cornelia Funke (60) gerne in fantastischen Welten, an diesem Herbstmorgen in Essen aber wirkt sie ganz im Hier und Jetzt und auf sympathische Weise bodenständig: ungeschminkt auch im metaphorischen Sinn. Mit Britta Heidemann sprach die Bestsellerautorin über ihr jüngstes Buchprojekt, über Amerika, das Ruhrgebiet – und über die Liebe.

Frau Funke, wie ist die Zusammenarbeit mit Guillermo del Toro am Buch „Das Labyrinth des Fauns“ zustande gekommen?

Cornelia Funke: Das passierte in mehreren Schritten. Vor einigen Jahren habe ich ihm spanische Ausgaben meiner Tinten-Bücher geschickt, als Dankeschön für seine Filme. Man erwartet nicht, dass man auf so ein Dankeschön etwas zurückhört. Aber ein paar Monate später schickte Guillermo mir eine Email, in der es unter anderem hieß: Ich liebe deine Bücher. Wollen wir miteinander tanzen? Es ging um ein Projekt für Dreamworks, und wir haben schnell gemerkt, dass wir fantastisch zusammenarbeiten. Dann habe ich zu einer Ausgabe von Guillermos Skizzenbüchern ( er ist auch ein phantastischer Zeichner) die Einleitung zu dem Kapitel über Pan’s Labyrinth geschrieben, dem Film, der seit vielen Jahren mein Lieblingsfilm ist. Und schließlich…. kam eines Abends die Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, aus diesem Film ein Buch zu machen. Ich dachte: vollkommen unmöglich! Ich habe als Illustratorin den größten Respekt vor Bildern, sie können so viel mehr erzählen als Worte. Aber wie wir alle aus dem Märchen wissen: zu den unmöglichen Aufgaben darf man nicht Nein sagen.

Sie haben nun die Handlung um eigene Kurzgeschichten ergänzt…

Das war Guillermos Bitte. Er war sehr unglücklich, als ich ihm sagte, dass ich dem Film sehr genau folgen würde. Aber mir ist der Film heilig und ich finde ihn perfekt, so wie er ist. Also waren die zusätzlichen Geschichten eine Lösung, die uns beiden sehr gefiel.

So wie der Film enthält auch das Buch sehr viel Blut und Gewalt, viel mehr als in Ihren anderen Werken für Kinder und Jugendliche.

Dieses Buch ist keine Jugendliteratur. Ich mag diesen Begriff ohnehin nicht. Ich bin eine Geschichtenerzählerin. Natürlich halte ich den „Drachenreiter“ jünger als „Reckless“, was die Gewalt betrifft, aber diese Reihe ist vor allem deshalb schon für jüngere Leser wegen der Themen, die ich anspreche. Eine Achtjährige will nicht unbedingt etwas über Beziehungen lesen, eine 16-Jährige vielleicht schon. Bei Pan’s Labyrinth habe ich von Anfang meinem amerikanischen Verlag klar gesagt, dass ich weder die Gewalt noch andere Motive abmildern werde. Guillermos Filme zeigen Gewalt auf sehr ehrliche Weise, im Gegensatz zu den meisten Actionfilmen und Krimis. Er verklärt sie nicht oder verkauft sie als sexy, sondern zeigt sie als etwas zutiefst verstörendes. Ich bin Amnesty-Mitglied, seit ich 14 Jahre alt bin. Ich habe eine Vorstellung davon, was Folter ist, und als Deutsche habe ich mich seit meiner Kindheit mit Faschismus auseinandergesetzt. Wenn die Gewalt verharmlost würde oder gar glorifiziert, dann hätte ich sie nicht beschrieben. Jeder Action- und Marvel-Comic-Film zeigt mehr Gewalt, aber sie wird oft als sehr positiv gezeigt und rettet meist die Welt. Das ist die Art von Videospiel-Gewalt, die dann in realen Massakern endet.

Der Roman spielt in Zeiten der spanischen Franco-Diktatur, in Zeiten des Faschismus. Was sehen Sie, wenn Sie heute von Amerika aus auf Europa blicken?

Ich finde beunruhigend, was ich sehe. Mit fällt dazu ein Brecht-Zitat ein: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem es kroch.“ Aber ich bin auch sehr stolz auf die Gegenbewegung, die Bereitschaft Deutschlands, Mitleid zu zeigen und das Elend, dass Menschen aus ihrer Heimat vertreibt, ernst zu nehmen. Die derzeitige politische Lage macht uns allen bewusst, dass Demokratie ein Verfalldatum hat, wenn wir nichts tun. Man kann sie nicht einfach im Kühlschrank aufbewahren, und dann hält sie ewig. Furchtbar finde ich, dass wir uns eigentlich einer viel größeren Katastrophe zuwenden müssten, der Klimakatastrophe. Aber im Moment schicke ich viele meiner Spendengelder nach Chicago, wo Anwälte die Migrantenkinder vertreten, die hier in Haft gehalten werden – statt diese Gelder für den Klimaschutz zu spenden. Die politische Situation verlangt gerade sehr viel Engagement.

Ich war erstaunt, dass Sie US-Bürgerin werden wollen – trotz Trump.

Wegen Trump! Amerika ist seit mehr als 14 Jahren meine Heimat. Dass ich dort nicht wählen kann, ist unverantwortlich. Allerdings wird es noch ein Jahr dauern, bis mein Antrag durch ist, auch den deutschen Pass zu behalten. Meine finnischen, spanischen, französischen Freunde haben alle kein Problem, die haben einfach mehrere Pässe. Aber ich muss erklären, warum ich auch noch Amerikanerin sein will. Das ist schon lästig.

Sie empfinden Amerika tatsächlich als Heimat? Im vergangenen Jahr hatten Sie noch überlegt, zumindest einen Zweitwohnsitz in England einzurichten, richtig?

Mein Haus in Malibu ist im November fast abgebrannt, und Feuer sind hier leider eine Normalität. Sehr beunruhigend für jemanden, der auf Papier arbeitet. Meine Kunst, meine Notizbücher -die hätte ich schon gern an einem feuersicheren Ort. Aber alleine aus Gründen des Klimaschutzes werde ich doch versuchen, diesen Ort in Amerika zu finden und nicht ständig nach Europa fliegen. Auch wenn mir die Idee immer noch sehr gefällt, dort einmal einen ähnlichen Ort wie meine Farm hier zu schaffen, wo Künstler aus aller Welt sich treffen und arbeiten- und auch über Naturschutz nachgedacht wird.

„Das Labyrinth des Fauns“ hat seinen Ursprung in einem Verlust – eine Frau verliert ihren Ehemann, den Vater ihrer kleinen Tochter. Sie selbst haben einen solchen Verlust erlitten. War es schwer, diese Situation zu beschreiben?

Nein, im Gegenteil. Es gab mir das Zutrauen, dass ich diese Situation sehr gut beschreiben kann. Mein Mann ist 2006 gestorben, und nach 13 Jahren sind vor allem die schönen Erinnerungen noch sehr lebendig. Ich fühle mich gesegnet, dass ich eine so glückliche und lange Ehe hatte. Und ich habe die Figur der Mutter natürlich gut verstanden, auch wenn ich die Situation ganz anders bewältigt habe. Sie ist eine Frau, die aus Sorge um ihr Kind handelt, aber glaubt, dass sie ihm als Frau nicht genug Schutz bieten kann. Aus dem Grund lässt sie Ofelia am Ende im Stich. Ich beobachte bei vielen Frauen, dass eine neue Liebe dem Elternsein übergeordnet wird. Meiner Meinung nach bleibt man seinen Kindern aber immer zuerst verpflichtet.

Wie alt waren Ihre Kinder, als ihr Vater starb?

Mein Sohn war 11, meine Tochter 16. Es war für beide natürlich sehr schmerzhaft und wird sie für immer zutiefst prägen. Zum Glück habe ich einen Kreis guter und enger Freunde, und einige Männer haben Teile der Vaterrolle übernommen – ohne dass sie mit mir eine Beziehung hatten. So hatten meine Kinder nie das Gefühl, dass ihr Vater ausgewechselt wurde, und doch männliche Bezugspersonen in ihrem Leben gehabt.

In Trennungssituationen ist der Vater immerhin noch da.

Trotzdem glaube ich, dass eine Trennung oft härter ist als mein Verlust. Meine Kinder wussten, dass ihr Vater sie nicht bewusst verlassen hat. Sie müssen seine Liebe nicht in Frage stellen oder mit dem Zorn zurechtgekommen, den es bringt, wenn der Vater ihnen eine andere Frau vorzieht. Ihr Bild von Familie bleibt heil. Und für die Frauen ist eine Trennung sicher schwieriger, weil sie für die Kinder Kontakt zum Exmann halten müssen. Ich sehe das mir selbst: im Januar ist für mich eine Liebe zu Ende gegangen, und ich kann einfach sagen: So, wir sehen uns jetzt mal für eine Weile nicht. Ich habe dadurch gelernt, wie schwer eine Trennung sein muss, wenn man gemeinsame Kinder hat.

Der jüngste Roman von Julian Barnes beginnt mit einer Frage, die Ihnen gerne stellen würde: Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden?

Da würde ich immer mehr Liebe nehmen! Absolut! Wir alle sehnen uns doch nach diesem Zustand, in dem das Herz so voll ist, dass wir schier den Verstand verlieren. Ein Freund von mir sagte einmal sehr weise, im Grunde probieren wir in jeder Liebesbeziehung ein anderes Selbst von uns aus. Manche Lieben sind von Anfang an verrückt, und wir wissen, sie werden nicht von Dauer sein. Aber wir probieren uns darin aus, finden heraus, wer wir auch sein könnten. Und das ermöglicht uns der andere, der etwas in uns wachruft, das dann auch nicht wieder einschläft. Jede Liebe bringt uns etwas bei. Auch wenn sie am Ende wehtut.

Was tröstet Sie, wenn es schmerzt?

Ich glaube, eine Weile lang tröstet gar nichts. Und das muss es auch nicht. Als mein Mann starb, bin ich in den Schmerz hineingegangen. Ich bin im dunklen Wasser geschwommen, in dem Bewusstsein, dass ich irgendwann das andere Ufer erreichen werde. In meiner jüngsten Beziehung war es so, dass ich schon gespürt habe, dass da etwas zerfällt. Mir gefielen bestimmte Aspekte von mir selbst nicht, die in dieser Beziehung auftauchten. Meistens gibt es Anzeichen. Das Ende kommt nicht aus dem Nichts. Natürlich denkt man, hätte ich das noch ändern können…? Gibt es noch eine Chance…? Das ist die schwerste Entscheidung, zu sagen, es ist jetzt wirklich vorbei. Aber ich stelle mir immer vor: Unser Inneres ist ein großes Haus, und jede Liebe hat ein eigenes Zimmer. Dieses Zimmer bleibt, auch wenn die Liebe vorbei ist. Und dann ist es doch auch so: Ich habe mich auch schon gegenüber Menschen, die in mich sehr verliebt waren, nicht nett verhalten. Man hat den Schmerz, den man selbst empfindet, meistens auch schon anderen zugefügt. Das ist ein Gedanke, der ebenfalls tröstlich sein kann. Damit man nicht dahockt und denkt: Wie ungerecht ist das denn jetzt!

Haben Sie nie überlegt, über die Liebe zu schreiben?

Das tue ich tatsächlich, aber im Moment noch in Drehbuchform, als Stück. Es ist das erste Mal, dass ich etwas Persönliches schreibe. Ich weiß noch nicht genau, was das wird. Eine Freundin, Filmproduzentin in England, hat mir schon vor Jahren gesagt: Du solltest über die Liebe schreiben. Also mal sehen. In Interviews spreche ich über meine Beziehungen; ich möchte mich nicht als jemand darstellen, dem sowas wie Herzschmerz nie passiert.

Sie sind im vergangenen Jahr 60 geworden – mir ist aufgefallen, dass Sie in Interviews selten gefragt werden, was das Alter mit Ihnen macht. Vielleicht, weil Kinder- und Jugendbuchautorinnen alterslos zu sein scheinen, siehe Astrid Lindgren?

Eine interessante Theorie, die vermutlich wahr ist. Es hält vermutlich jung, für und mit den Jungen zu arbeiten. Im Moment lade ich junge Künstler als Stipendiaten auf meine Farm ein, und erlebe das als unendlich bereichernd. Aber natürlich ist 60 schon eine große Zahl, ein Einschnitt. Ich überlege mir, was kann ich weitergeben, und wie? Ich bin politisch aktiv, setze mich für Klimaprojekte ein, das sind Aufgaben, die mir ebenso wichtig sind wie das Schreiben. Und gesundheitlich muss man jetzt auch ein bisschen mehr auf sich aufpassen. Ich bin ja so faul und hasse Sport. Aber ich gehe nun fast jeden Tag am Strand spazieren und meine Farm hält mich wunderbar auf Trab. Außerdem lebe ich nun an einem Ort, von dem ich einfach nicht gern fort bin. Ich werde das Reisen nicht nur aus Klimaschutzgründen sehr einschränken und lade meine Freunde aus Europa lieber zu mir ein – in eins der vier kleinen Gästehäuser, die unter meinen Avocadobäumen stehen.

Wir sind im Ruhrgebiet schon stolz darauf, dass Sie aus Dorsten stammen. Fühlen Sie sich der Region verbunden? So ganz ehrlich?

Ich bin mit 17 weggegangen. Für mich war immer Hamburg meine Heimatstadt in Deutschland. Dort traf ich meinen Mann, dort wurden meine Kinder geboren. Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, sage ich deshalb auch immer: Hamburg. Als ich vor vier Jahren den Droste-Hülshoff-Preis bekam, habe ich aber gemerkt, dass ich der westfälischen Landschaft doch sehr verbunden bin und dem Kontrast der Natur zur Industrie des Ruhrgebiets. Ein Kritiker hat einmal bemerkt, die ganze Reckless-Serie sei geprägt von der Landschaft, in der ich aufgewachsen bin…

War Ihnen das bewusst? Sie haben für andere Werke ja tatsächlich konkrete Orte benutzt, etwa Ligurien für die Tintenherz-Reihe, Hamburg und Venedig für Stadt der Diebe.

Nein, das war mir gar nicht aufgefallen. Tatsächlich scheint sich in Reckless am deutlichsten zu zeigen, wo ich aufgewachsen bin. Das Thema der zerstörten Landschaften, das gerade im Ruhrgebiet präsent ist, zieht sich durch die ganze Serie. Als Kind war das für mich der klassische Ausblick: im Vordergrund die Kuhwiesen, am Horizont die Schlote. Vergangenheit und Zukunft – auch wenn die Schlote inzwischen oft ebenso Vergangenheit werden wie die Wasserburgen.

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