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Computer Grrrls: Wir Maschinen-Mädchen

Lu Yang, „Delusional Mandala“, 2015

Lu Yang, „Delusional Mandala“, 2015

Foto: Lu Yang

Dortmund.   „Computer Grrrls“ im Dortmunder U: Junge (Video-)Künstlerinnen hinterfragen die Mechanismen einer Männerdomäne.

Die ersten Computer waren weiblich. Denn „Computer“ nannte man zum Ende des 19. Jahrhunderts Menschen, die Berechnungen von Hand fertigten – meistens Frauen. Auch der früheste Berufszweig der Kommunikationstechnologie gehörte ganz den Damen; und von diesen „Telephone Girls“ war es nicht mehr weit bis zu den „Keypunch Girls“, die die Lochkarten der ersten (dann: maschinellen) Computer fertigten. Selbst, wenn heute im heimischen Kinderzimmer das „verbuggte Game“ Abstürze der guten Laune verursacht, steckt auch dahinter eine Frau: Den Begriff „Bug“ („Programmierfehler“) erfand Grace Hopper, die als Informatikerin bei der US-Navy die Idee einer höheren Programmiersprache vorantrieb.

Trotzdem ist die Informatik seit den 1960er Jahren eine Männerdomäne; einer Studie zufolge waren 2013 nur ein Viertel aller Informatiker Frauen. Die Schau „Computer Grrrls“ im Dortmunder U wirft mit zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten ein Schlaglicht auf diese Unwucht (und erinnert schon im Titel an die feministischen „Riot Grrrls“). Da belustigt sich Jennifer Chan in einem Video über die „Hot Creations“ des Silicon Valley und zeigt Jugendfotos von Bill Gates, Steve Jobs, Mark Zuckerberg und anderen (männlichen!) Gründergeistern; auf dem Computertisch liegt Anti-Stress-Ball neben Plastik-Garfield – eine Hommage an die 80er. Caroline Martel lauscht im Zusammenschnitt historischer Werbefilme dem Verstummen der Telefonistinnen („Le Fantome de Operatrice“). Erica Scorti nahm für das Video „Body Scan“ Teilstücke ihres Körpers auf und ließ die Fotos durch die Suchmaschine laufen – wundert es, dass bei Brüste-Bildern vor allem Vorschläge zu deren Verbesserung ergoogelt werden können?

Weibliche Dschinn-Figuren aus dem 3-D-Drucker

Nicht alle der 26 Arbeiten sind derart plakativ, aber alle sind von Frauen (bei einem Werk war der Partner der Künstlerin beteiligt) – und viele, viele sind Videos. Eine durchaus erholsame Ausnahme bilden die bunten Zeichnungen von Suzanne Treister, die wandhoch eine futuristische Welt der Singularität erträumen – also eine Welt, in der künstliche Intelligenz sich selbst zu reproduzieren versteht. Gleich gegenüber hat die aus dem Iran stammende Künstlerin Morehshin Allahyari weibliche Dschinn-Figuren durch den 3-D-Drucker geschickt: märchenhaft.

Die gleichwohl alles überstrahlende Kritik an der schönen neuen Technologie-Welt geht über jenen Basisfeminismus hinaus, den die meisten Frauen heute ohnehin auf Taste liegen haben. Wenn Lu Yang ihren eigenen Avatar erstellt und so energisch bearbeitet, bis sich auch dessen Bewusstsein verändert, hinterfragt sie, was Menschsein heute noch bedeutet. Simone C. Niquille ließ die Daten eines Avatars an zwei verschiedenen Orten zu aufblasbaren Puppen verarbeiten; wie verschieden diese Puppen aussehen, zeigt, dass Datensätze je nach kultureller Prägung Interpretationsspielraum bieten – wollen wir uns künftig wirklich auf biometrische Daten verlassen?, ruft diese Arbeit uns zu. Ebenso beunruhigend ist das virtuelle Schönheitsstudio für dunkelhäutige Frauen des Künstler-Kollektivs „Hyphen-Labs“: Hier gibt es Ohrringe mit Überwachungskameras gegen polizeiliche Übergriffe oder einen Schal, der gegen automatische Gesichtserkennung wirkt – sowie die Information, dass eben diese Gesichtserkennung nur bei weißen Männern (und nicht: bei schwarzen Frauen) zuverlässig arbeiten soll.

Manifest-Sprech zum Mitnehmen und Selberbasteln

Dass die engagierten Ausstellungsmacherinnen den Humor nicht verloren haben, zeigt die Arbeit von Manetta Berends. Zusammen mit den Kuratorinnen Inke Arns (HMKV) und Marie Lechner (La Gaite Lyrique, Paris) erforscht sie mit einem feministischen Textkorpus von 1912 bis heute jenen Algorithmus, der von den meisten Suchmaschinen verwendet wird. Das Ergebnis sind Stickerhefte mit Schlagworten des Cyberfeminismus: Schönster Manifest-Sprech zum Mitnehmen und Selberbasteln – und dies ganz analog.

Computer Grrrls: HMKV im Dortmunder U, Leonie-Reygers-Terrasse. 27.10.2018 bis 24.2.2019. Tgl außer montags, 11-18 Uhr, Do und Fr bis 20 Uhr.

Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Führungen So 16 Uhr, an jedem 1. So im Monat 15 Uhr Familienführungen.

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