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Blixa Bargeld: „Es kommt mir vor wie Regieführen“

Begnadet als Deklamator und Stimmakrobat: Blixa Bargeld, der auch die Texte der Neubauten schreibt.

Foto: Imago

Begnadet als Deklamator und Stimmakrobat: Blixa Bargeld, der auch die Texte der Neubauten schreibt. Foto: Imago

Duisburg.   Die Einstürzenden Neubauten stehen heute in Duisburg auf der Bühne. Sänger Blixa Bargeld über die Ironie im Titel ihrer Tour: „Greatest Hits“

Die Einstürzenden Neubauten haben seit den 80er-Jahren mit radikalen Klangexperimenten viele Hörgewohnheiten zerschmettert, machten Stahlrohre, Winkelschleifer und Einkaufswagen zu Instrumenten – und sind heute künstlerisch weltweit anerkannt. Die Band um Sänger Blixa Bargeld macht auf ihrer „Greatest-Hits“- Tour nun Station im Duisburger Theater am Marientor. Georg Howahl sprach mit Bargeld über Ironie, die Geschichte der Band und die Schwierigkeit, sich selbst neu zu erfinden.

Man hört: Einstürzende Neubauten taufen ein Album und die Tour „Greatest Hits“. Das ist ja wohl schreiende Ironie . . .

Blixa Bargeld: Ja, so ist es. Die Motivation verdanken wir einem Phänomen: Wenn wir heute Konzerte spielen, denken wir, das Publikum würde immer jünger – in Wirklichkeit aber werden wir auf der Bühne immer älter. Es gibt viele, die uns heute zum ersten Mal sehen. Deshalb wollte ich ein Einführungsalbum, auf dem alles ist, was wir in dieser Besetzung live machen. Die „Greatest Hits“ sind sozusagen unsere größten Zuschläge: Kinnhaken, Ohrfeigen . . .

Haben die Neubauten je ein Stück als „Hit“ konzipiert, um dem Publikum zu gefallen?

Leider nein. Gucken Sie sich das Plattencover an, die Ironie ist darauf schon zu sehen. Einmal ist die Ritzerei eine Verbeugung vor Ton Steine Scherben und ihrem Album „IV“. Und ein gestalterisches Augenzwinkern in Richtung Andy Warhol bezieht sich auf seine sogenannten „Piss Paintings“. Das erklärt alles, oder?

Die Songauswahl live und auf dem Album hat einen Schwerpunkt bei „Silence Is Sexy“ aus dem Jahr 2000. Mit Absicht?

Ich habe mich an den Live-Sets orientiert. Es sind alles Stücke, die die heutige Formation mit Rudolf Moser und Jochen Arbeit live auf die Bühne bringt. Und dabei habe ich versucht, das so ausgewogen wie möglich von den verschiedenen Alben, die diese Besetzung aufgenommen hat, zu nehmen.

Ist es nach fast vier Dekaden schwierig, noch neue Dinge zu entdecken?

Natürlich wird es in unserer Abteilung „Materialien“ kaum etwas geben, was wir noch nicht ausprobiert haben. Insofern greift man natürlich immer mehr auf Erfahrungen zurück, die man schon gemacht hat. Aber ich sehe das nicht mal als Nachteil.

Sie arbeiten zwischenzeitlich als Schauspieler und Regiss . . .

Ich bin ein miserabler Schauspieler . . .

Liegt Ihnen das Regieführen mehr?

Wenn ich mit den Einstürzenden Neubauten arbeite, kommt mir das meistens so vor, als würde ich Regie führen. Es ist das Inszenieren von Musik, das Komponieren ist für mich „Arbeiten mit einer Band“. Obwohl ich nicht der alleinige Regisseur des Ganzen bin.

Sie selbst kommen als Figur ja in mehreren Filmen vor, etwa in Oskar Roehlers „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“ . . . Wie ist es, eine Darstellung von sich selbst zu sehen?

Oskar hat mich gefragt. Er hat mir vorher das Drehbuch geschickt und mir sogar eine Rolle angeboten, das ist natürlich noch alberner. Er hat mir die Rolle seines eigenen Vaters angeboten, der ja wie ein Hannibal Lecter inszeniert ist, was ich schon wieder lustig finde. Ich hab ihm dann gesagt, was ich daran idiotisch finde und was nicht. Aber ich fand das im Rahmen des Akzeptablen. Alexander Scheer, der mich im Film spielt, hat das gut gemacht. Meine Frau hat den Film gesehen und sehr gelacht . . .

Das Album „Lament“ ist ja entstanden für eine vielbeachtete Aufführung in Belgien zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Werden wir das noch einmal live hören?

Ich bin sehr glücklich damit, wir werden es 2018 zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs noch mal aufführen. Wäre ja schade drum, die Arbeit daran war nicht einfach. Es wäre nicht mein Wahlthema gewesen, mich über einen längeren Zeitraum mit dem Ersten Weltkrieg auseinanderzusetzen. Das ist nicht unbedingt gemütserheiternd. In dem Moment, in dem die Aufführung stand, das Album aufgenommen war, war die Erleichterung da. Das Spielen macht mich nicht depressiv . . .

In der Geschichte der Neubauten kann man den Bogen schlagen von Konzerten in einer Autobahnbrücke bis hin zur Elbphilharmonie . . .

In der Elbphilharmonie gibt es großartige Voraussetzungen von der Akustik her. Es ist nicht das erste Mal gewesen, dass wir in einer Weltklasse-Konzerthalle gespielt haben, das ist aber nicht jedem in Deutschland klar. Es war natürlich auch ein ziemlicher Wirbel: Elbphilharmonie und Einstürzende Neubauten, diese Zusammensetzung – da hatte jemand ein bisschen Humor.

Konnten Sie die konzertante Atmosphäre also genießen?

Es war sehr schön, dort zu spielen. Es gibt bestimmt Musiker, die uns darum beneiden. Den Ärger lasse ich ihnen.

>>> Einstürzende Neubauten live in Duisburg

Einstürzende Neubauten spielen am 15. November in Duisburg, Theater am Marientor. Karten gibt’s noch an der Abendkasse

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